BERLIN - Etliche Gründungsmitglieder gingen den Grünen in 25 Jahren verloren. Aber auch Grundsätze wurden über Bord geworfen.
Von Christina Wandt,
Redaktion Berlin
BERLIN - Die Delegierten stritten bis zum Umfallen und viele legten sich dann zum Schlafen auf den Hallenboden. Für eine Parteigründung waren die Bedingungen im Januar 1980 nicht eben ideal – für die Legendenbildung schon. 25 Jahre später blicken die Grünen gern auf das Karlsruher Chaos vom 12. und 13. Januar 1980 zurück.Es wurde heftig diskutiert, die Nürnberger Stadtindianer besetzten das Podium, und schließlich hielt jemand die Uhr an, damit sich kein Delegierter voreilig auf den Weg zum Bahnhof machte. Als der heute 81 Jahre alte Wilhelm Knabe schließlich verkündete, dass die Bundespartei gegründet sei, waren alle erleichtert, viele enthusiastisch. Dabei hatten sie keine Partei sein wollen, hatten sich erst 1979 als „Sonstige Politische Vereinigung Die Grünen“ zusammengetan und bei der Europawahl einen Achtungserfolg erzielt. Nun traten sie als „Anti-Parteien-Partei“ an, wie es die Friedensaktivistin und Ex-Sozialdemokratin Petra Kelly formulierte.
Kelly und Knabe, der 20 Jahre der CDU angehört hatte, sind typisch für die Ur-Grünen, die aus bürgerlichen Parteien kamen oder aus der Anti-Atomkraft-, der Friedens- und der Frauenbewegung, aus Kirchen, Bürgerinitiativen und Dritte-Welt-Läden. Erzkonservative Umweltschützer wie Herbert Gruhl trafen hier auf bekennende Kommunisten wie Rainer Trampert. Gruhl verließ bereits 1981 die Partei, Trampert trat 1990 aus, Jutta Ditfurth gründete 1991 die Ökologische Linke, Wolf-Dieter Hasenclever fungiert als bildungspolitischer Berater der FDP-Bundestagsfraktion.
Nicht nur Gründungsmitglieder gingen den Grünen verloren, auch Grundsätze kamen ihnen abhanden. Während man einst bündig die Auflösung der NATO forderte, schrieb man ihr im Parteiprogramm von 2002 „eine wichtige Rolle“ zu. Das Rotationsprinzip ist vergessen, die Trennung von Amt und Mandat aufgeweicht, lediglich die Frauenquote blieb erhalten. Dass man Personenkult verteufelte, dass Sonnenblumen allein die Plakate zierten, haben viele in der Joschka-Fischer-Partei längst verdrängt.
Der Außenminister gilt heute als der Maßstab grünen Erfolgs, an ihm lässt sich so hübsch die Geschichte der Partei erzählen: vom taxifahrenden Straßenkämpfer zum Vize-Kanzler.
Heute gelten die Grünen als Partei der Bessergekleideten, und die Rettung der Welt muss schon mal warten, wenn die Rettung der Regierungskoalition ansteht. Der aktuelle Parteichef Reinhard Bütikofer lobt jedenfalls den Wandel „von den konfrontativen zu den Gestaltungs-Grünen“.
