BERLIN - Jubel bei FDP und CSU, Freude bei Christdemokraten und Grünen, Zufriedene Gesichter bei den Linken, Entsetzen bei der SPD. Historischer Tiefpunkt für die Genossen, doch von einem Desaster will Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier vor den Kameras an diesem Abend nicht sprechen. „Ein enttäuschendes Europa-Wahlergebnis, da gibt es nichts drum rum zu reden“, räumt der SPD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl und Merkel-Herausforderer ein. „Frank-Walter Steinmeier ist gescheitert“, attackiert CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, hält sich nicht mehr lange mit der Europawahl auf, sondern startet gleich in den Bundestagswahlkampf.
Die Europawahl ein Signal für den 27. September? Stimmungstest bestanden? In den Berliner Parteizentralen richtet man den Blick bereits nach vorn.
Totenstille im Willy-Brandt-Haus: Entsetzen als die ersten Zahlen eingeblendet werden: Etwa 21 Prozent – noch einmal weniger als beim desaströsen Resultat 2004. Die Chancen für die Bundestagswahl, für den Kanzlerkandidaten Steinmeier – auf ein Minimalmaß geschrumpft. So schnell wie noch nie nach einer Wahl erscheint SPD-Chef Franz Müntefering im Foyer, um das Debakel einzugestehen. Im Willy-Brandt-Haus wird gerätselt, wie der Trend umgekehrt werden kann.
„Wir haben unsere Wahlziele erreicht“, strahlt dagegen CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla im Konrad-Adenauer-Haus. „Die Mitte“ steht da auf dem Rednerpult, und CDU-Chefin Angela Merkel feiert den Erfolg „für die bürgerliche Mehrheit“. Zwar hat die CDU im Vergleich zur letzten Europawahl Federn lassen müssen, doch trösten die Schlappe und der deutliche Abstand zur SPD und vor allem auch die guten Ergebnisse für CSU und FDP. „Union und FDP haben zusammen eine Mehrheit“, sieht sich Pofalla schon fast am Ziel und „eine gute Grundlage für den 27. September“.
In München hält sich CSU-Chef Horst Seehofer mit zu lautem Triumph zurück: „Ich darf heute vermelden: Die Christlich Soziale Union ist wieder da!“ sagt er und freut sich über die bestandene Bewährungsprobe.
Partystimmung im Berliner Thomas-Dehler-Hauses, der FDP-Zentrale. „Freude, schöner Götterfunken“, jubelt Parteichef Guido Westerwelle mit Beethovens Neunter, der Europahymne, als er um 18.23 Uhr bei der Wahlparty der Liberalen vor die Kameras tritt. „Wir können sagen: Keine Partei hat so zulegt wie wir“, freut sich Westerwelle. „Eine herausragende Grundlage“ für weitere Wahlerfolge sieht der Chef-Liberale. An seiner Seite strahlt Silvana Koch-Mehrin, die 38-jährige Spitzenkandidatin. Es sei „das beste Ergebnis der FDP, was es je bei Europawahlen gegeben hat“. Die Wähler hätten die Mitte gestärkt. Westerwelle und Seehofer – sie strotzen vor
Kraft strotzend.
Aber auch Renate Künast und Jürgen Trittin, die beiden Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahl, geben sich rundherum zufrieden. „Diese Wahl ist auch eine Signal für den Herbst", ruft Ex-Umweltminister Trittin vom Podium. Er lächelt. Er gestikuliert. Die Bundestagswahl – sie sei noch offen. Diejenigen, so der Grünen-Spitzenmann, die jetzt wie Honigkuchenpferde strahlten, würden irren. Neues grünes Selbstbewusstsein. Man sei jetzt bei der Europawahl „die dritte Kraft aus Deutschland“, betont Trittin. Doch schon geht der Blick nach vorn, auch bei der Grünen.
Und Oskar Lafontaines Linke? Sie fährt an diesem Abend ein mittelmäßiges Resultat ein. Ein kleiner Zugewinn, mehr nicht. „Wir sollten uns darüber freuen", mahnt Spitzenkandidat und Parteichef Lothar Bisky bei der Wahlparty in einem Berliner Kulturzentrum.
