BERLIN - Schlemmerwelle und politisches Forum: Zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche in Berlin sind am Wochenende laut Veranstalter bis zu 120 000 Besucher durch die Hallen geströmt. Spezialitäten von fünf Kontinenten kosten und sich gleichzeitig über die Lebensmittelproduktion informieren stand auf dem Programm.
Bei der Leitmesse der Agrarbranche präsentieren sich bis zum 29. Januar mehr als 1600 Aussteller aus knapp 60 Ländern. Insgesamt werden mehr als 400 000 Gäste erwartet, darunter 100 000 Fachbesucher. Für die Branche gilt die Messe als Testmarkt und als Konjunkturbarometer zu Jahresbeginn.
Kampf gegen Hunger
Gleichzeitig ringt die internationale Staatengemeinschaft am Rande der Messe aber auch um mehr Zusammenarbeit, um die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern. „Kein Land kann den Hunger allein bekämpfen“, sagte der Generaldirektor der Welternährungsorganisation (FAO), José Graziano da Silva, am Wochenende auf der Grünen Woche. Mehr als 900 Millionen Menschen hätten nicht genug zu essen – obwohl es eigentlich genügend Nahrung auf der Welt gebe.
Bei einer Konferenz am Sonnabend bekannten sich Agrarminister aus 64 Staaten zu einem notwendigen Beitrag der Landwirtschaft. Sie wollen, dass vor allem Kleinbauern die Möglichkeit zu Investitionen erhalten und der Zugang zu Böden und Wasser weltweit gesichert wird.
Gestärkt werden sollen laut Abschlusserklärung die Rechte von Frauen, die vor allem in Afrika einen Großteil der Agrar-Beschäftigten stellen. Ernteverluste bei Transport und Lagerung sollten reduziert werden. Die Vorschläge sollen in eine Konferenz der Vereinten Nationen zur nachhaltigen Entwicklung im Juni in Rio de Janeiro eingebracht werden.
Während die Minister tagten, demonstrierten im Berliner Regierungsviertel Tausende Menschen gegen die „Agrarindustrie“. Mit Trillerpfeifen, Trommeln und Kuhglocken machten sie ihrem Ärger Luft. Die Veranstalter – Tier- und Umweltschützer, Landwirte und Entwicklungshelfer – sprachen von 23 000 Teilnehmern.
Unter dem Motto „Wir haben es satt!“ verlangten sie von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Neuausrichtung der Agrarpolitik. Die Subventionen für die Landwirtschaft müssten an ökologische, soziale und Tierschutzkriterien gekoppelt werden.
Bauernpräsident Gerd Sonnleitner teilte mit, die Demonstranten vermittelten ein falsches Bild der deutschen Landwirtschaft. Täglich überzeugten sich 40 000 Verbraucher auf der Grünen Woche, dass die Bauern hochwertige Lebensmittel tierschutzgerecht erzeugten.
Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) sagte als Gastgeberin der Ministerkonferenz, ohne produktive Ernährungswirtschaft sei der Kampf gegen Hunger nicht zu gewinnen. Sie verwies darauf, dass bis zur Mitte des Jahrhunderts die Weltbevölkerung von sieben auf neun Milliarden Menschen wachsen werde.
„Wie man richtig isst“
FAO-Chef José Graziano da Silva forderte, der UN-Sicherheitsrat solle sich mit Konflikten etwa in Afrika befassen, die oft Ursache für Hungerkrisen seien. In ärmeren Ländern könnten viele Menschen die vorhandene Nahrung nicht bezahlen. Zugleich gebe es mehr als eine Milliarde Übergewichtige. „Wir müssen die Menschen lehren, wie man richtig isst.“
Indonesiens Landwirtschaftsminister Asyraf Suswono kritisierte, Ausfuhren von Entwicklungsländern würden in Industrieländern zu oft mit abwehrenden Zöllen belegt. EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos erklärte, dass der Marktzugang in Europa so frei wie nirgendwo sonst auf der Welt sei.
