BERLIN - Vor einem Jahr herrschte Aufregung um Dioxin. Der Skandal um Rückstände im Tierfutter warf einen Schatten auf die Grüne Woche in Berlin. Diesmal überlagert keine akute Lebensmittelkrise die Leitmesse der internationalen Ernährungswirtschaft in der deutschen Hauptstadt.
Doch die Herausforderungen für die Branche sind auch 2012 komplex. Im Ringen um die künftigen Agrarmilliarden der EU werden Positionen abgesteckt, die Energiewende ist ein zwiespältiges Thema. Kunden wollen günstige Preise, zugleich landen tonnenweise Produkte im Müll. Die weltweite Nachfrage treibt das Geschäft an.
Die deutschen Landwirte gehen denn auch „vorsichtig optimistisch“ ins neue Jahr, wie es beim Bauernverband heißt. „Wenn es keine Überraschungen bei der Weltkonjunktur gibt, sollten die Agrarmärkte relativ stabil bleiben“, erwartet Präsident Gerd Sonnleitner. Nach zwei Krisenjahren hat die Branche nun wieder besser verdient. Der Gewinn, gemessen als Durchschnittseinkommen je Arbeitskraft, stieg 2010/11 auf 30 200 Euro nach 22 500 Euro im Jahr zuvor.
Als Sorgensparte gelten weiterhin die Schweinehalter, die auf höhere Absatzpreise hoffen. Gestiegene Kosten für Futtereinkauf und Energie schlagen schwer ins Kontor. Dagegen erleben die Ackerbauern, dass hiesige Erntemengen längst nicht mehr allein den Ausschlag für die Preise geben – sie werden maßgeblich über die internationalen Rohstoffbörsen bestimmt.
Was das für Supermarktkunden in Deutschland bedeutet, muss sich zeigen. „Wir rechnen mit stabilen Preisen“, beruhigt Sonnleitner. Den Export dürfte dagegen dämpfen, dass sich in wichtigen Absatzländern die Konjunkturaussichten abschwächten, erwartet der Branchenverband.
Mittlerweile wecken die Felder der Landwirte Begehrlichkeiten. Wegen des Atom-Ausstiegs werden wertvolle Hektar für Stromtrassen und den Anbau von Energiepflanzen gebraucht. Gegen „Flächenfraß“ will der Bauernverband auf der Grünen Woche eine Online-Petition an den Bundestag starten.
Auf der politischen Agenda steht die künftige Agrarfinanzierung in der Europäischen Union ab 2014. Die deutschen Bauern müssen sich auf sinkende Brüsseler Direktzahlungen einstellen. Passend zum Messe-Partnerland Rumänien geht es auch um eine Annäherung der Gelder für die EU-Neumitglieder im Osten an das Niveau West. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat Solidarität signalisiert.
Nach Krisen wie dem Darmkeim EHEC rücken die Sicherheit und Wertschätzung von Lebensmitteln stärker ins Visier. Bund und Länder ringen um bessere Kontrollen. Politiker und Verbände mahnen, dass gesunde Nahrung nicht immer billiger werden könne.
Das lässt auch den Grundsatzstreit aufflammen, welche Richtung die Landwirtschaft einschlagen soll. Umweltverbände planen eine Grüne-Woche-Großdemonstration in Berlin. Das Motto: „Wir haben es satt – Bauernhöfe statt Agrarindustrie“.
