BERLIN - Wenn eine Banane schon leicht angedrückt ist oder der Quark seit zwei Tagen „abgelaufen“, ist der Entschluss in vielen deutschen Küchen schnell gefasst: „Lieber in den Müll damit.“ Rund 82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Bundesbürger im Schnitt Jahr für Jahr weg, wie das Bundesverbraucherministerium in einer Studie ermitteln ließ – das entspricht 326 Joghurtbechern ` 250 Gramm. Zwei Drittel dieses wertvollen Müllbergs gelten als vermeidbar.
Dass hierzulande jährlich insgesamt elf Millionen Tonnen Nahrung im Abfall landen, sei nicht zu verantworten, beklagt Ministerin Ilse Aigner (CSU). Auf schwere Sattelschlepper gefüllt, ergäbe das eine mehr als 4500 Kilometer lange Lastwagen-Schlange von Berlin bis ins sibirische Nowosibirsk.
Auch in Deutschland ist das Problem aber schwer zu erfassen. Viele vermeintlich verdorbene Lebensmittel werden in Toiletten heruntergespült oder landen auf dem Kompost – das geht in keine Statistik ein. Die Forscher der Universität Stuttgart arbeiteten deswegen für ihre Studie mit Schätzungen. Resultat: Am häufigsten zu früh weggeworfen werden Obst, Gemüse und Backwaren. Dabei wurde dies als vermeidbar angesehen, wenn ein Produkt noch absolut genießbar ist – auch, wenn zum Beispiel die Brotrinde oder die Pizzakruste übrig gelassen werden.
Um die Verschwendung einzudämmen, will Aigner eine „konzertierte Aktion“ organisieren. Denn die Ursachen sind vielfältig. Martin Hofstetter, Agrarexperte der Umweltorganisation Greenpeace, kritisiert: „Obst und Gemüse mit kleinen Makeln wird vernichtet oder bleibt auf dem Acker, weil es nicht den Vorgaben des Handels entspricht.“ Aigner will denn auch weiter für die Abschaffung von Vermarktungsnormen in der EU kämpfen.
Auch Lebensmittelindustrie, Handel und Gaststätten könnten noch mehr tun, erwartet die Ministerin. Neben Verlusten bei Lagerung und Transport geht es um genaueres Planen der Warenströme. Niemand werfe gern Lebensmittel weg, so Franz-Martin Rausch, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Lebensmitteleinzelhandels. „Das ist moralisch verwerflich und betriebswirtschaftlich unsinnig.“ In den bundesweit 40 000 Läden dürfte durch unverkäufliche Ware rund eine Milliarde Euro Schaden entstehen. Computergestützte Logistik soll helfen, den Nachschub zu steuern. Die Stoßrichtung: lieber öfter kleine Mengen anliefern.
Ins Boot holen will Aigner aber auch die 40 Millionen privaten Haushalte, die laut der Studie für 61 Prozent der Lebensmittelabfälle verantwortlich sind – der höchste Anteil. Dabei geht es um mehr Aufklärung, etwa über das Mindesthaltbarkeitsdatum, das viele zu Unrecht als Wegwerfdatum verstehen.
