Berlin - Die schockierenden Bilder aus Norditalien sind vielen noch im Gedächtnis. Im März waren dort Intensivstationen mit zu vielen Corona-Patienten überfordert, Krematorien kamen mit der Arbeit nicht mehr nach. Jetzt, wo sich das Coronavirus wieder rasant verbreitet, kommt die Angst vor einer ähnlichen Situation auch in Deutschland zurück. Es gehe darum, „unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten“, sagte jüngst Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch wann ist dieses System „überlastet“?
Einmalige Situation
„Entscheidend für diese Frage ist die Zahl der stationär und insbesondere intensivmedizinisch behandlungsbedürftigen Patienten“, sagt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Hinsichtlich der Kapazitäten an Intensivbetten sei Deutschland in einer weltweit einmaligen Versorgungssituation. Von mehr als 30 000 Intensivbetten sind laut Deutscher Interdisziplinärer Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) derzeit mehr als 9000 (Stand Montag) frei. Zudem gibt es weitere 12 000 Betten, die im Notfall aktiviert werden können. „Zusätzlich haben wir gezeigt, dass wir circa 150 000 bis 200 000 normale Betten frei machen können“, erklärt Baum.
Ihm bereitet eher die ausreichende Versorgung mit geschultem Personal Sorge. Eine entsprechende Auslastung der Betten „würde maximale innerbetriebliche Personalumsetzungen und Konzentrationen in die vordringlich zu versorgenden Bereiche erforderlich machen“, sagt Baum.
Zurückverfolgung
Noch ist es auf den Intensivstationen vergleichsweise ruhig. Rund 850 Corona-Patienten wurden zuletzt (Stand Montag) laut DIVI dort behandelt. Mitte April waren es zeitweise mehr als 2500. Doch die Werte steigen. „Wir haben deutlich zunehmende Zahlen von Covid-Patienten im Krankenhaus“, sagt Baum. Vor zwei Wochen wurden nur rund 450 Corona-Patienten intensivmedizinisch betreut.
Ein wichtiger Faktor ist auch, ob die Gesundheitsämter Ausbrüche zurückverfolgen und potenziell Infizierte warnen können. Das kann einer weiteren Ausbreitung vorbeugen. Das System ist allerdings fragil, wie das Beispiel des Berliner Bezirks Neukölln zeigt, der mit besonders vielen Neuinfektionen kämpft. „Wir haben nicht mehr einen Brandherd, sondern multiple Glutnester – nicht Dutzende, sondern Hunderte“, sagte Neuköllns Amtsarzt, Nicolai Savaskan, dem Tagesspiegel vergangene Woche. Bei 70 Prozent der Fälle sei der Infektionsherd nicht mehr zu finden.
Viele Faktoren
Das Bundesgesundheitsministerium kann nicht abschätzen, wie viele Neuinfektionen unser Gesundheitssystem aushält. „Die Anzahl der schweren Verläufe hängt zwar davon ab, wie hoch die Fallzahlen insgesamt sind, aber andere Faktoren spielen hier auch eine große Rolle, zum Beispiel wie viele Menschen aus Risikogruppen betroffen sind“, teilte ein Sprecher des Ministeriums mit. Zuletzt gab es laut Robert Koch-Institut wieder vermehrt Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen.
Die Belegung der Intensivbetten hänge im kommenden Winter von vielen Faktoren ab, sagt Uwe Janssens, Präsident der DIVI. Dazu gehört die kommende Grippewelle – und wie stark sie angesichts der Corona-Maßnahmen einschlagen werde.
Weiterer Nachbesserungsbedarf bestehe womöglich in der Verteilung der Patienten zwischen den Bundesländern, sagte Janssens am Montag. Er betonte zugleich, wie wichtig insgesamt eine Herangehensweise ohne Panik sei.
