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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Attentat mit erheblichen Folgen

09.11.2018

Berlin /Paris Der 7. November 1938 ist ein Montag. Gleich morgens um 8.30 Uhr betritt der 17-jährige Herschel Grynszpan aus Hannover in Paris das Waffengeschäft „A la fine lame“ (Zur scharfen Klinge) und ersteht für 235 Francs einen Trommelrevolver und Patronen. Dann macht sich der junge Jude mit polnisch-deutschen Wurzeln zielstrebig auf den Weg zur deutschen Botschaft in der Rue de Lille 78. In seiner Brieftasche trägt er eine Postkarte bei sich, die er vier Tage zuvor in Paris erhalten hat. Seine Schwester berichtet darin von der Deportation seiner Familie von Hannover nach Polen.

In der Botschaft wird Grynszpan zum Legationsrat Ernst vom Rath vorgelassen. Er zaudert nicht lange und streckt den Diplomaten mit fünf Schüssen nieder. „Es war eine spontane Racheaktion“, urteilt der Historiker Manfred Gailus vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Grynszpan lässt sich widerstandslos festnehmen.

Das Attentat in Paris vor 80 Jahren wird in den folgenden Tagen von der NS-Propaganda als Vorwand für ein bis dahin beispielloses Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten missbraucht – die Reichspogromnacht, früher auch „Reichskristallnacht“ genannt. SA- und SS-Trupps zünden in ganz Deutschland rund 1400 Synagogen an, verwüsten mehr als 7500 Häuser und Geschäfte und ermorden jüdische Frauen und Männer - am Ende gibt es mehr als 1300 Tote.

„Sie haben die Sache zum Anlass genommen, um das gesamte Judentum anzugreifen“, sagt Gailus. Kaum ist das Attentat bekannt, wird in Kassel bereits am 7. November ein jüdisches Café zerstört. Bis zum 13. November dauern die Pogrome. Am schlimmsten wütet der Mob in der Nacht vom 9. auf den 10. November.

Die Tat von Herschel Grynszpan ist auch das tragische Resultat einer jahrzehntelangen Migrationsgeschichte. Denn die Familie Grynszpan (deutsch: Grünspan) war 1911 aus dem zaristischen Russland vor Armut und Pogromen in Richtung Westen geflüchtet. Herschels Vater Sendel lässt sich mit seiner Frau Riwka in Hannover nieder, ein Onkel geht nach Brüssel, ein anderer nach Paris.

„Es waren bescheidene Verhältnisse“, sagt der Historiker Peter Schulze. Der Vater verdient sein Geld als Schneider. Von sechs Kindern sterben drei. Der 1921 geborene Herschel besucht die Volksschule. Doch mit dem Machtantritt der Nazis 1933 ändert sich für ihn alles: „Innerhalb von Wochen saßen die jüdischen Kinder abseits und wurden auch nicht mehr zu Kindergeburtstagen eingeladen.“ Als er 14 ist, verlässt Herschel seine Heimat und zieht zuerst nach Brüssel zu seinem Onkel Wolf und dann zu seinem Onkel Abraham in Paris.

Währenddessen verschärft sich die politische Situation für die Juden in Deutschland. Weil Polen vielen Bürgern, die im Ausland leben, die Staatsbürgerschaft entziehen will, lässt der NS-Staat rund 17 000 polnischstämmige Juden auf brutale Weise an die östliche Grenze abschieben. Auch Herschel Grynszpans Eltern und Geschwister sind darunter.

Als Ernst vom Rath am 9. November um 16.30 Uhr in Paris seinen Verletzungen erliegt, ist die Führung des NS-Staates in München versammelt. Minister Joseph Goebbels erkennt sofort, dass sich das Attentat propagandistisch ausschlachten lässt. Nach Absprache mit Hitler hält er eine Brandrede, macht eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“ für den Anschlag verantwortlich und ruft zu Pogromen auf.

Herschel Grynszpan wird 1940 von Frankreich an Deutschland ausgeliefert und kommt ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Goebbels plant einen großen Schauprozess gegen ihn, doch dazu kommt es nie.

1942 verliert sich seine Spur im KZ Sachsenhausen, nach dem Krieg wird er für tot erklärt. Doch seine Familie überlebt in der Sowjetunion und geht schließlich nach Israel.

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