BERLIN - Wie lange genau sie in der langen US-Wahlnacht vor dem Fernseher ausgehalten habe, will Angela Merkel nicht verraten. Hat die Kanzlerin das historische Ereignis, den fulminanten Sieg von Barack Obama, etwa verschlafen? Merkel berichtet, sie sei in der Nacht zwar aufgestanden, um sich auf den neuesten Stand zu bringen, dann aber schnell wieder eingeschlafen.
„Wir alle sind Zeugen eines historischen Wahlsieges“, fasst Merkel am Mittag ihre nächtlichen Eindrücke zusammen. Zeitenwende in Washington, Gratulationen und große Erwartungen in Berlin: die Hauptstadt im Obama-Fieber. Der Mann, der bereits bei seinem Kurzbesuch im Juli für Euphorie rund um Siegessäule und Brandenburger Tor gesorgt hatte, zieht die deutsche Politik erneut in seinen Bann. Als in Berlin die Wahlpartys der Nacht gegen Morgen allmählich zu Ende gehen, schlägt die Stunde der Gratulanten.
Den Anfang macht der Bundespräsident. „Im Namen meiner Landsleute“, gratuliert Horst Köhler Obama um sieben Uhr am Morgen stellvertretend für alle Deutschen – per Telegramm. Köhler spricht von einer „Chance für die Vereinigten Staaten von Amerika, für Deutschland, für die ganze Welt“. Und warnt: „Wir dürfen den neuen amerikanischen Präsidenten nicht mit unseren Erwartungen überfordern.“ Tatsächlich könnten die Erwartungen in der deutschen Politik kaum höher sein.
Von einem „großartigen Wahlsieg“, spricht Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Kanzlerkandidat gilt als Freund von Obamas Politikstil. Die Spitzenleute von Parteien und Fraktionen werden nicht müde, ihre Hoffnungen und Wünsche zum Ausdruck zu bringen. Über Parteigrenzen hinweg herrscht Einigkeit: Obama könnte nach Stillstand und Differenzen in der Ära von George W. Bush für neuen Schwung im transatlantischen Verhältnis sorgen. Und als erster schwarzer Präsident in der US-Geschichte verkörpere er ohnehin ein neues Amerika. Zudem hat Barack Obamas erfolgreiche Kampagne in den Berliner Parteizentralen großen Eindruck hinterlassen. Sein Slogan „Yes, we can“, wird immer wieder als Sinnbild einer neuen Polit-Euphorie zitiert.
„Eine Sternstunde der Demokratie“, freut sich FDP-Chef Guido Westerwelle nach der Wahlnacht. Obama sei „eine Mischung aus John F. Kennedy und Martin Luther King“, schwärmt SPD-Mann Karsten Voigt, Koordinator der Bundesregierung für die Beziehungen zu Washington. Auf Unionsseite dürfte man insgeheim froh über Obamas Wahlsieg sein. Nimmt er doch jenen in der SPD, die sich zu Bushs Zeiten gerne anti-amerikanisch gaben, den Wind aus den Segeln.
Finanzmarktkrise, Bekämpfung des internationalen Terrorismus, Klimaschutz, freier Welthandel – alles Themen, über die Kanzlerin Merkel „auf Grundlage von tiefer Freundschaft und Partnerschaft“ zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland mit Obama ins Gespräch kommen möchte. Gelegenheit wird es in Kürze geben: Mitte des Monats reist Merkel zum „Weltfinanzgipfel“ nach Washington. Am Rande des Treffens auf Einladung von Noch-Präsident Bush wird es ein Abendessen geben, an dem auch Obama teilnimmt. Außerdem hofft man in der Bundesregierung, dass der neue Präsident nach Amtsantritt rasch Berlin besuchen wird.
