BERLIN - DDR-Staatschef Walter Ulbricht war erleichtert – und die „drohende Konterrevolution“ abgewendet. In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes in das „sozialistische Bruderland“ Tschechoslowakei ein.
Die Panzer walzten auch die Aussicht auf Reformen in der DDR nieder. „Dabei war der Prager Frühling für uns die Hoffnung, dass die Tage von Ulbricht gezählt sind“, meint der frühere Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Gerd Poppe. Mitte der 1960er Jahre hatten in der CSSR wirtschaftliche und politische Reformen begonnen – ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ sollte unter Alexander Dubcek entstehen.
Im Frühjahr 68 wurde auch die Pressezensur abgeschafft. Die euphorischen Gefühle von damals hat die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, noch nicht vergessen. „Jeder Skoda wurde zur Verheißung und symbolisierte Hoffnung“, erinnert sich die Ostdeutsche an die Erwartung, dass der Prager Reform-Frühling auf die DDR ausstrahlt. Wolf Biermann sang damals „In Prag ist Pariser Kommune. Sie lebt noch!“ Die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, sie habe den Einmarsch als „Tiefschlag“ empfunden. Sie habe sich geschämt, erinnert sich Merkel, die damals 14 Jahre alt war.
Es sei in der DDR aber „relativ ruhig geblieben“, sagt Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Als einen Grund sieht er, dass viele nach dem gescheiterten Volksaufstand von 1953 und dem Mauerbau 1961 nicht mehr an „eine Symbiose von Sozialismus, Demokratie und Freiheit“ glaubten.
Doch seien viele Jüngere erst durch die Repressalien nach dem Prager Frühling politisch aktiv geworden. Der frühere DDR-Oppositionelle Poppe sagt: „Einen direkten Weg von 68 zum Herbst 89 gab es nicht.“ Für Ostdeutsche sei es auch um ein wenig mehr Farbe im realsozialistischen Alltag gegangen, meint Stefan Wolle vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Prag sei deshalb im Sommer 1968 ein Mekka der DDR-Bevölkerung gewesen. In dem Nachbarland konnte man begehrte Schallplatten mit Beat-Musik und Jazz kaufen. Es habe westliche Zeitungen sowie legendäre Konzerte und Ausstellungen gegeben.
Hier habe niemand fürchten müssen, dass ihm zwangsweise „die Matte“ (lange Haare) geschnitten werde, sagt Marianne Birthler. Zu nonkonformem Sozialverhalten habe die DDR-Führung zu jener Zeit auch zu lange Haare oder zu kurze Röcke gezählt, sagt Wolle in seinem neuen Buch „Der Traum von der Revolte“. Und dieser „direkte Angriff auf die sozialistische Ordnung“ habe oft böse Folgen gehabt. Denn „asoziales Verhalten“ und „Rowdytum“ seien Straftaten gewesen.
