BONN - Mit großer Skepsis und Zurückhaltung hätten die meisten Menschen damals, ab dem 1. September 1948, die Arbeit der Politiker im Parlamentarischen Rat in Bonn verfolgt, berichtet Reinhard Appel, ein Journalist der ersten Stunde am Rhein, über die Stimmung im Lande.

Viele Leute, so Appel, hätten von Parteien nichts mehr wissen wollen. Die Nazi-Zeit war noch nicht vergessen. Man sei der neuen Republik mit Misstrauen begegnet, weil die schlechten Erfahrungen mit der Weimarer Republik und der Rolle der Parteien noch in schlechter Erinnerung gewesen seien.

Appel wurde zu Beginn der Hitler-Diktatur eingeschult, 1944/45 wurde er Soldat und geriet kurz in russische Kriegsgefangenschaft. „Viele Deutsche hatten den Nazis zunächst vertraut. Auch ich war in der Hitler-Jugend, wie viele andere und wir waren anfangs begeistert. Als wir später, bei oder kurz nach Kriegsende erfuhren, dass aus dem Land der Dichter und Denker ein Staat der Richter und Henker geworden war, der Millionen Menschen in Gaskammern hatte umbringen lassen, verschlug es uns die Sprache. Wie war das möglich? Eine Frage, die ich mir und Millionen andere sich öfter gestellt haben.“

Die Debatten im Parlamentarischen Rat seien mehr akademischer Art gewesen, erzählt Appel. Schließlich sei es darum gegangen, dem Land eine neue Gesetzes-Ordnung zu geben, der man am Ende der Beratungen den Namen Grundgesetz gab.

Auf den Begriff Verfassung verzichtete man, weil das Grundgesetz ja nur für den Westteil des Landes galt und insofern ein Provisorium war. Im Rat dozierten dann die Professoren Theodor Heuss und Carlo Schmid. Kein Stoff für eine Zeitung in dieser Zeit. Denn die Deutschen hätten andere Sorgen gehabt.

Reinhard Appel war damals 21 Jahre alt. „Für viele ging es ums tägliche Überleben. Es gab nicht viel zu essen, Wohnungen waren in den vom Bombenkrieg zerstörten Städten Mangelware, überhaupt waren die Zustände vielfach unbeschreiblich schlecht. Unsere Zukunft war mehr als ungewiss.“ Damals, im September 1948, seien sie rund zwei Dutzend Journalisten gewesen, die über den Parlamentarischen Rat berichteten.

Appel erhielt nach eigenen Worten von seiner Stuttgarter Chefredaktion den Spezialauftrag, der Frage nachzugehen, wer denn dafür verantwortlich sei, dass plötzlich auch Stuttgart neben Frankfurt und Bonn als mögliche künftige Hauptstadt der Bundesrepublik ins Gespräch gebracht worden war. Das Ergebnis war durchaus delikat, steckte doch hinter Antrag für Stuttgart einer der prominentesten deutschen Politiker, nämlich Theodor Heuss, der später Bundespräsident wurde.

Die Meldung in der Stuttgarter Zeitung löste in Württemberg ziemlichen Wirbel aus. Denn die Stuttgarter wollten auf keinen Fall Hauptstadt werden, weil man die Sorge hatte, dass die künftige Bundesregierung in einem solchen Fall viele Wohnungen in der Schwaben-Metropole beschlagnahmt hätte. Dabei gab es auch in Stuttgart nur sehr wenige Wohnungen, die intakt waren.

Heuss und seine Freunde mussten klammheimlich den Antrag zurückziehen, Stuttgart war aus dem Rennen.