BONN - Rita Süssmuth (CDU) spannt die Abgeordneten lange auf die Folter. Im Bonner Wasserwerk, dem Ausweichquartier des Bundestags, steigt die Nervosität von Minute zu Minute. Um 21.48 Uhr wird an diesem 20. Juni 1991 endlich ein Zettel auf das Podium gereicht. Die Parlamentschefin verkündet das Ergebnis: 338 Stimmen für Berlin, 320 für Bonn. Mit ganzen 18 Stimmen hat die vorher favorisierte Stadt am Rhein bei der Abstimmung über den künftigen Regierungs- und Parlamentssitz verloren.
Und jetzt wird gefeiert, so beendete Süssmuth damals die denkwürdige Sitzung. Doch bei den Bonn-Befürwortern sorgte der Ausgang der Abstimmung für lähmendes Entsetzen. Von neun Uhr morgens an hatte man zehn Stunden lang leidenschaftlich gestritten. Der rhetorische Glaubenskrieg über Metropole oder Provinz, Föderalismus oder Zentralismus und das Selbstverständnis der neuen gesamtdeutschen Republik wurde ohne feste Parteilinien ausgefochten.
Kanzler Helmut Kohl (CDU) stand an der Seite von SPD-Ehrenvorsitzenden Willy Brandt und PDS-Chef Gregor Gysi für Berlin. Für Bonn warfen sich Süssmuth, NRW-Ministerpräsident Johannes Rau (SPD), Finanzminister Theo Waigel (CSU) oder FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff in die Bresche. Mehr als 100 Redner gingen ans Pult. Die eigentliche Hauptstadt-Frage war schon im Einigungsvertrag geregelt worden. Notwendig wurde die Debatte am 20. Juni 1991, weil tags zuvor der Vorschlag, über den Regierungssitz per Volksabstimmung zu entscheiden, keine Mehrheit fand. Drei Alternativen standen zur Wahl: der am Ende angenommene Antrag Vollendung der Einheit sah vor, Regierung, Parlament und zentrale Bundesbehörden nach Berlin zu verlegen. Die Bonn-Befürworter stritten für die Lösung: Parlament und Regierung bleiben am Rhein, nur Bundespräsident und Bundesrat wechseln an die Spree. Ein chancenloser Kompromiss des CDU-Politikers Heiner Geißler warb für die Trennung von Parlament in Berlin und Regierung in Bonn.
Schnell wurde in der Aussprache klar, dass die meisten Stars für Berlin kämpften. Nach einem flammenden Plädoyer von Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) erhoben sich Berlin-Anhänger aus allen Fraktionen begeistert von den Sitzen. In Wahrheit geht es um die Zukunft Deutschlands, rief der Unterhändler des Einigungsvertrags mit viel Pathos in den Saal.
Willy Brandt griff sogar zu bedenklichen Vergleichen. In Frankreich sei auch niemand auf die Idee gekommen, nach der Befreiung von Paris die Hauptstadt in Vichy, dem Sitz der mit Hitler-Deutschland kollaborierenden Regierung von Marschall Pétain, zu belassen.
Den Ausschlag für die hauchdünne Mehrheit gaben die kleineren Fraktionen. Insbesondere die 17 Stimmen der PDS-Abgeordneten und die Mehrheit in der FDP (53 gegen 26) verhalfen Berlin zum Sieg. Bei CDU/CSU (156:154) und SPD (126:110) gab es jeweils Bonn-Mehrheiten.
Wohl zehn Jahre werde die volle Umsetzung dauern, zeigte sich Kohl damals überzeugt. Für die pessimistische Vorhersage bekam der Kanzler von den Berlin-Enthusiasten, die am liebsten sofort umgezogen wären, viel Kritik.
Doch Kohl lag fast richtig mit seiner Einschätzung. Von den Abgeordneten, die 1999 beim Wegzug vom Rhein schon dabei waren, sitzen heute nur noch die wenigsten im Parlament. Lediglich 101, also weniger als ein Sechstel, haben noch eine aktive Bonn-Erinnerung.
