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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Bergbau: Glückauf – und Schicht im Schacht

10.12.2018

Bottrop Es dürfte ein historisches Datum werden. Am 21. Dezember wird in Bottrop mit Prosper-Haniel die letzte Steinkohlezeche im Ruhrgebiet geschlossen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier soll dabei sein, wenn Bergleute den symbolisch letzten Förderwagen mit Kohle ans Tageslicht holen.

Mehr als 150 Jahre industrieller Steinkohlebergbau in Deutschland sind dann zu Ende. Erinnert wird im Ruhrgebiet in diesen Tagen immer wieder an die goldene Zeit der Kohle in den 1950er Jahren, als das Revier die Energie und den Stahl für das deutsche Wirtschaftswunder lieferte. Fast eine halbe Million Menschen arbeiteten damals im Ruhrbergbau – so viele wie nie zuvor und nie wieder danach.

„Man kann sagen, dass unser Bild vom Bergbau vor allem durch die erfolgreiche Zeit der 1950er Jahre bestimmt ist. Damals erhielt er das positive, teilweise heroische Image, das ihm bis heute zu eigen ist“, sagt Heinrich Theodor Grütter. Er leitet das Ruhrmuseum auf der zum Weltkulturerbe aufgestiegenen Zeche Zollverein in Essen. „Der Kohlehunger war immens, Arbeitskräfte wurden gesucht, Bergleute verdienten Spitzenlöhne wie heute bei VW oder Daimler“, beschreibt Grütter die Zeit, als Kohle schwarzes Gold war.

Heute ist die Zahl der aktiven Bergleute geschrumpft. Auf Prosper-Haniel und der zweiten zum Jahresende schließenden Zeche in Ibbenbüren im Münsterland arbeiten noch rund 3500 Bergleute.

Andreas Stieglan ist einer von ihnen. Wer zu seinem Arbeitsplatz will, muss mit dem Förderkorb 1260 Meter tief in die Erde fahren. Von einem unterirdischen Bahnhof geht es mit der Dieselkatze, einer Hängebahn, Kilometer weit in den Berg. Die Fahrt endet an einem riesigen Hobel, der die Kohle aus dem Gestein fräst. Stieglan hat an dem Ungetüm jahrelang als Aufsichtshauer gearbeitet.

Schrittweiser Ausstieg

Der Hobel steht seit dem Sommer still. Die Kohlemenge, für die der Bergbau noch Subventionen erhält, war gefördert. Rund 1,8 Millionen Tonnen haben die Bergleute auf Prosper-Haniel in diesem Jahr noch abgebaut, in den 1950er Jahren waren es im gesamten Ruhrgebiet mehr als 100 Mal so viel.

Stieglans Gesicht ist vom Kohlestaub verschmiert. Die Arbeitsjacke hat der 47-Jährige wegen der Hitze längst ausgezogen. Aufrecht stehen kann er im Streb nicht, vieles muss kniend gemacht werden – bei Lärm, Staub, Temperaturen an die 30 Grad und extrem hoher Luftfeuchtigkeit.

Angefangen hat Stieglan 1987 mit der Lehre auf der Zeche Monopol in Bergkamen. Da war das Zechensterben längst in vollem Gange. Dass aber einmal ganz Schluss sein könnte, hat von den damals fast 120 000 Bergleuten kaum jemand geglaubt.

Begonnen hatte der Niedergang schon 1958, als Millionen Tonnen Kohle und Koks unverkäuflich auf den Halden lagen. Das Öl lief der Kohle beim Heizen mehr und mehr den Rang ab. Später kam die deutlich billigere Importkohle hinzu, die in Australien oder Kanada unter viel einfacheren Bedingungen und niedrigeren Kosten abgebaut werden kann.

Auf Druck der Politik und der Bergarbeitergewerkschaft schlossen sich die Bergwerksbesitzer am 27. November 1968 zur Ruhrkohle AG zusammen. Die Fusion der damals noch fördernden 52 Schachtanlagen gilt als erster wichtiger Schritt des geordneten Rückzugs des deutschen Steinkohlebergbaus. Ein Ausstieg, der 50 Jahre dauerte und viele Subventionsmilliarden kostete.

Als das Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI 2005 nachrechnete, standen unterm Strich bereits 130 Milliarden Euro, die in den Bergbau geflossen waren. Inzwischen „dürften wir uns auf rund 200 Milliarden Euro an Subventionen zubewegen, die geflossen sind und noch fließen“, sagt der RWI-Energieökonom Manuel Frondel. Ohne diese Subventionen wäre „der Strukturwandel an der Ruhr sehr viel schneller in Gang gekommen“.

Ganz anders sieht das Stefan Berger, der an der Ruhr-Uni das Institut für soziale Bewegungen leitet: „Nirgends auf der Welt ist der Strukturwandel schwerindustrieller Ballungsregionen vergleichsweise so gut gelungen wie im Ruhrgebiet.“ In Großbritannien und den USA habe man den Wandel den Märkten überlassen. „Das hat zum Zusammenbruch ganzer Industrien innerhalb kurzer Zeit und im schlimmsten Fall zu Geisterstadt-Phänomenen geführt, wie wir sie aus Detroit, aber auch aus den Montanregionen im Norden Englands und in Südwales kennen.“

Vergleicht man das Revier aber mit anderen Regionen in den alten Bundesländern, ergibt sich ein anderes Bild. Trotz aller Förderprogramme, der Gründung von Universitäten und Hochschulen mit inzwischen rund 280 000 Studierenden und Unternehmensansiedlungen ist der Strukturwandel im Revier einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft nach „insgesamt nicht durch ausreichende Erfolge im Aufbau neuer, wachstumsstarker Branchen“ geprägt. Entsprechend hoch sind die Arbeitslosenquoten.

Halden als Freizeitziele

Auch wenn der Bergbau bald endgültig Geschichte ist, er bleibt dem Ruhrgebiet erhalten. Nicht nur wegen der vielen liebevoll restaurierten Bergarbeitersiedlungen und der zu Museen und Veranstaltungshallen gewordenen Zechengebäude. Die Bergleute haben die Landschaft umgewälzt. Davon zeugen die Halden, auf denen lagert, was mit der Kohle aus der Erde geholt wurde. Als begrünte Hügel sind sie jetzt Freizeitziele.

Große Teile des Ruhrgebiets haben sich durch den Kohleabbau abgesenkt, in extremen Fällen bis zu 25 Meter und mehr. Damit sich in den Senken kein Wasser sammelt, müssen die Wasserströme auf Dauer mit Hunderten Pumpen reguliert werden. „Ewigkeitslasten“ heißen diese Aufgaben, die bleiben, wenn die letzte Zeche geschlossen ist.

Und Hauer Stieglan? Der muss mit seinen Kollegen das tun, was in der Bergmannssprache „rauben“ heißt. Was noch brauchbar ist, wird ausgebaut und nach oben gebracht. Das nächste Jahr dauert das Aufräumen unter Tage noch. Dann ist für Stieglan endgültig Schluss. Spürt er Wehmut, wenn er an den Abschied von der Kohle denkt? „Kommt noch“, sagt Stieglan.

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