BRüSSEL - Die EU-Kommission dringt auf eine einheitliche Kennzeichnung von Lebensmitteln in Europa. Künftig sollen Hersteller dazu verpflichtet werden, deutlich lesbare und verständliche Informationen über Fett, Zucker, Salz, Kohlenhydrate und Kalorien auf der Vorderseite von Verpackungen anzubringen. Gesundheitskommissar Markos Kyprianou will mit der neuen Verordnung den Kampf gegen die zunehmende Fettleibigkeit in Europa forcieren. Auch Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) plädierte im Rahmen der Vorstellung der Nationalen Verzehrstudie für eine detaillierte Kennzeichnung von Lebensmitteln.

„Die Etikettierung von Lebensmitteln kann die Kaufentscheidungen der Verbraucher enorm beeinflussen“, sagte der Kommissar am Mittwoch in Brüssel. Keinesfalls sei daran gedacht, die annähernd 500 Millionen Verbraucher in ganz Europa zu bevormunden. Deshalb lehne er das weitergehende Ampel-Modell als verbindliche EU-Norm ab. In Großbritannien beispielsweise sind die Nährwertangaben zusätzlich mit Farben unterlegt: Rot gilt als Warnung, Grün als klare Empfehlung.

Der moderate Vorschlag für eine EU-Verordnung lasse den 27 Mitgliedsstaaten ausreichend Spielraum, auch für das Ampelmodell, sagte Kyprianou. Die EU-Verordnung soll nicht nur für verpackte Lebensmittel gelten, sondern auch für die bei Jugendlichen sehr beliebten Alcopop-Mixgetränke. Ansonsten ist der Sektor Alkohol (Bier, Wein und Spirituosen) von der Nährwertkennzeichnung ausgenommen.

Wesentlicher Bestandteil der EU-Verordnung sind ferner Hinweise auf Substanzen, die Allergien auslösen, wie zum Beispiel Erdnüsse, Fisch, Milch oder Senf. Diese Regelung geht viel weiter als bestehende Vorschriften. Künftig müssen Lebensmittel auch dann mit Allergie-Warnhinweisen versehen werden, wenn sie unverpackt und in Restaurants oder Kantinen angeboten werden.

Bereits unmittelbar nach Bekanntgabe des Vorschlags entbrannte ein heftiger Streit unter EU-Politikern, Industrieverbänden und Verbraucherschutzverbänden. „Vieles von den Neuerungen ist fragwürdig und unpraktikabel“, ärgert sich der EU-Abgeordnete Horst Schnellhardt. Auch die Lebensmittelindustrie kocht vor Wut. Die EU verspreche Vereinfachungen, tatsächlich drohe mehr Bürokratie. So stört Schnellhardt, dass unverpackte mit verpackten Lebensmitteln gleichgestellt würden. „Für das Croissant in der Landbäckerei können nicht dieselben Vorschriften gelten wie für das Hörnchen aus der Backfabrik.“

Auch die grüne Verbraucherschutzpolitikerin Hiltrud Breyer ist enttäuscht. Allerdings geht ihr der EU-Vorschlag nicht weit genug. „Ohne Ampel ist er nur Gehampel“, reimt die Politikerin, die vermutet, dass sich die EU-Kommission dem Druck der Lebensmittelindustrie gebeugt habe. In die gleiche Kerbe schlägt der europäische Verbraucherschutz-Dachverband Beuc. Seine Sprecherin Monique Goyens pocht ebenfalls auf die Ampel als EU-Norm.