Berlin - Er hatte damit eigentlich schon abgeschlossen, nicht mehr ernsthaft damit gerechnet. Inzwischen steht er fast drei Jahre an der Spitze des Staates, und die Herzen und Sympathien der Menschen fliegen ihm nur so zu. Tritt Joachim Gauck 2017 noch einmal für eine zweite Amtszeit an, oder verabschiedet er sich nach fünf Jahren in den Ruhestand? An diesem Sonnabend feiert Bundespräsident Joachim Gauck seinen 75. Geburtstag und dürfte einen Moment innehalten, um zurückzublicken auf ein bewegtes Leben und über seine Zukunft nachzudenken.
Beliebt beim Volk
Wenn die Gesundheit mitspielt, davon geht man in der Umgebung des Staatsoberhauptes fest aus, wird sich Gauck 2017 erneut zur Wahl stellen und eine zweite Amtszeit anstreben. Und weder Union noch SPD werden die erneute Kandidatur infrage stellen, zu beliebt ist der „Bürgerpräsident“ (Gauck über Gauck) beim Volk.
Auch gibt es nichts, was man bisher ernsthaft an seiner Amtsführung aussetzen könnte. Und das Gedenkjahr 2015 könnte das Jahr des wortgewaltigen Mannes werden. 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von Auschwitz ist es an Gauck, den richtigen Ton, die richtigen Worte und Gesten bei den Gedenkfeiern zu finden.
Den Zweiten Weltkrieg und die Herrschaft der Nationalsozialisten, die DDR, die Wende und den Fall des Eisernen Vorhangs, das neue Leben im vereinten Deutschland, all das hat der Bundespräsident erlebt. Die ganz große Rede des Staatsoberhauptes lässt weiter auf sich warten. Kommt jetzt der große Wurf? Sein Thema ist die Freiheit. Joachim Gauck hat es zum Leitmotiv seiner Präsidentschaft erhoben. Seit März 2012 ist der frühere Pfarrer und Bürgerrechtler der erste Mann im Staat. Gaucks Verdienst ist es zunächst, dass er es geschafft hat, das Amt wieder in die Normalität zurückzuführen, die unruhigen und unglücklichen Präsidentschaften seiner Vorgänger Horst Köhler und Christian Wulff schnell vergessen zu machen. Allein das ist schon ein Erfolg.
Richtiger Ton
Kanzlerin Angela Merkel lobte ihn vor fünf Jahren zu seinem Siebzigsten als „Versöhner, Einheitsstifter, Mahner“ und „Demokratielehrer“. „Eigentlich könnte Joachim Gauck die Laudatio auf sich am allerbesten selbst halten“, so die Regierungschefin damals augenzwinkernd. Schließlich ist der gebürtige Rostocker alles andere als uneitel. Sicher bewegt er sich über das diplomatische Parkett. Der neue Präsident meisterte den schwierigen Auftakt und legte einen Traumstart hin, ohne jedoch den ganz großen inhaltlichen Wurf zu liefern. Reden zur Flüchtlingspolitik, zur Eurokrise, Gedenken in Israel, gerade bei Staatsbesuchen machte Gauck eine gute Figur, fand den richtigen Ton, vertritt Deutschland authentisch und würdig. Viel Licht, kaum Schatten – so die bisherige Bilanz des Spätberufenen.
Bei seinen Besuchen in Polen wird der „Freund der Freiheit“ wie ein guter alter Vertrauter empfangen. Gauck hat ein ganz besonderes Verhältnis zu den Nachbarn. „Vergiss nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften“, lauten seine Worte, die er in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem zu Papier brachte.
Als er die Formulierung der Kanzlerin von der deutschen Staatsraison für die Sicherheit Israels hinterfragte, auf Distanz ging, eckte er damit daheim zwar an, doch ohne Folgen. Weder versucht er, sich bei Merkel & Co. anzudienen, noch redet er denen nach dem Mund, die ihn auf den Schild für das Präsidentenamt gehoben haben.
Kluger Kopf
Kurz vor seiner Wahl war er in einer ganzseitigen Anzeige („Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“) zu sehen: Als Zeitungsleser auf einem Campingstuhl neben einem Grill im Berliner Tiergarten. Im Hintergrund sein künftiger Amtssitz Schloss Bellevue. „Joachim Gauck, Bürger“ steht darunter. Das Bild war 2010 kurz nach der Wahl Christian Wulffs zum Bundespräsidenten und Gaucks Scheitern im dritten Wahlgang entstanden und zeugt gleichermaßen von Eitelkeit und Ironie.
Gauck sage, was viele denken, aber nicht immer sagen wollen, weil sie damit Gesprächskontakte erschwerten, beschreibt sein Biograf und früherer Mitarbeiter Johann Legner. Ein Präsident, der nicht allen Wohl und keinem Wehe wolle, sondern Missstände klar benenne.
Die Rolle des Grüßonkels ist ihm nicht genug. Er versucht weiter, sein Profil zu schärfen und eigene Akzente zu setzen, ohne sich zu verbiegen oder anpassen zu müssen und ohne seine Kompetenzen zu überschreiten.
