BUKAREST - BUKAREST - Dracula ist eine Romanfigur aus der Phantasie des Briten Bram Stoker. Der Romancier (1847-1912) hatte sie in Rumänien angesiedelt. Doch der Vampir haftet dem Karpatenland, das jetzt der Europäischen Union (EU) beitritt, wie ein Markenzeichen an. Viele Rumänen empfinden es als Stigma. Der Blutsauger lockt aber Touristen in das Land mit seinen wilden Bergpässen, mittelalterlichen Burgen und Schlössern, kunstvoll bemalten Kirchen und der urwüchsigen Bauernkultur.

Tatsächlich ist nicht Dracula, sondern dessen historisches Vorbild, der Fürst Vlad Tepes („der Pfähler“), Rumäniens prägender Mythos. „Der Pfähler“ (1431-1476) polarisiert die politische Mentalität zwischen aufgeklärtem Liberalismus und Autoritätsglauben. Tepes ging grausam gegen Kriminelle vor und soll mit der Korruption aufgeräumt haben, die heute den Rumänen und der EU viel Ärger bereitet. Daher stehen Politiker, die den Eindruck von Autorität erwecken, hoch im Kurs. In Umfragen führen das Staatsoberhaupt Traian Basescu (61 Prozent), der Ultra-Nationalistenführer Corneliu Vadim Tudor (13 Prozent) und der schwerreiche Eigentümer des Bukarester Erfolgs-Fußballclubs Steaua, Gheorghe Becali (10 Prozent), die Beliebtheitsskala an. Alle drei sind begabte Populisten.

Mindestens zwei Millionen Rumänen leben als Gastarbeiter vor allem in Spanien und in Italien – die meisten von ihnen illegal. Durch ihren Einfluss erhoffen viele Beobachter einen positiven politischen Wandel. Denn diese brächten nicht nur viel Geld, sondern auch westliche Mentalitäten mit nach Hause. Dadurch würden sie das Wählerpotenzial der Altkommunisten ausdünnen, die heute als Sozialisten firmieren. Die heute vorherrschende Mentalität wird bestimmt durch den Gegensatz eines aufbrausenden Temperaments und dem Fatalismus, den die orthodoxe Konfession propagiert, zu der sich 86,7 Prozent der Rumänen bekennen.

Mit Rumänien kommt ein schillerndes Land in die EU: Westeuropäisch in Siebenbürgen, wo noch 1,5 Millionen Ungarn leben, balkanisch- spritzig im Süden bei Bukarest und schwerblütig-slawisch in der nordöstlichen Moldau. Der Reformdruck, den Brüssel weiter ausüben will, könnte den modernen Draculas im neuen EU-Land den Lebenssaft nehmen.