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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Integration: Buntes Leben zwischen den Welten

21.04.2010

OLDENBURG Seit 31 Jahren lebt Yakup Castur nun in Deutschland, die deutsche Sprache beherrscht er perfekt – aber seine deutschen Kollegen versteht er manchmal trotzdem nicht. „Du isst kein Schweinefleisch“, haben sie zum Beispiel neulich zu ihm gesagt, „und du trinkst keinen Alkohol – wie willst du dich so integrieren?“ Castur verdreht die Augen: „Was hat denn bitte Schweinefleisch mit Integration zu tun? Was hat meine Religion damit zu tun??“

Moschee mit Flachdach

Über dem flachen Klinkerbau an der Emsstraße hängt ein Schild, „DITIB Türkisch- Islamische Gemeinde zu Oldenburg e.V.“ steht darauf. Wer durch die Vordertür tritt, findet ein fast normales Vereinsheim: Es gibt eine Teeküche, ein viel zu enges Büro für den Vorsitzenden, Gemeinschaftsräume mit fußballspieltauglichem Flachbildfernseher für die 160 Vereinsmitglieder. Es gibt aber auch einen Hintereingang im Hof, und davor steht jetzt Tuncay Dincer und sagt: „Bitte ziehen Sie Ihre Schuhe aus.“

Dincer lächelt; er weiß, dass er soeben ein Islam-Klischee bedient hat. „Sie werden gleich sehen, wofür das gut ist“, sagt er. Dann öffnet er die Tür zur Moschee, das Nachmittagsgebet beginnt.

Fünf Gebete am Tag

Schwere Teppiche bedecken den Boden, an der Wand leuchtet eine rote Anzeigetafel, sie kündigt die fünf Gebetszeiten des Tages an. Fatih Sarigül hat ihr den Rücken zugekehrt, der Imam blickt Richtung Mekka. Sarigül ist Beamter des türkischen Staats, für fünf Jahre wurde er von Ankara nach Oldenburg versetzt, um als Vorbeter Dienst zu tun. Er spricht die 99 Namen Allahs vor, Dincer und Castur beugen ihre Häupter. Sie beten, immer wieder berühren Stirn und Mund den Teppich. „Sehen Sie?“, fragt Dincer anschließend fröhlich: „Es wäre doch unhygienisch, wenn wir mit Schuhen auf die Teppiche treten würden!“

Tuncay Dincer wurde vor 45 Jahren in Ankara, Türkei, geboren. Mit 15 Jahren kam er nach Deutschland. In Oldenburg arbeitet er als selbstständiger Schweißer, in seiner Freizeit ist er erster Vorsitzender der DITIB-Gemeinde.

Yakup Castur wurde vor 35 Jahren in Alucra, Türkei, geboren. Mit vier Jahren kam er nach Deutschland. In Oldenburg betreibt er eine Werbeagentur, in seiner Freizeit ist er Dialog-Beauftragter der DITIB-Gemeinde.

In einem Büro am Schlossplatz sitzt Dr. Ayca Polat. Sie wurde 1972 in Istanbul, Türkei, geboren. Mit sieben Jahren kam sie nach Deutschland, in Oldenburg arbeitet sie seit zwei Jahren als Integrationsbeauftragte des Oberbürgermeisters. „Migranten“, sagt sie, „kann man hier nicht als Randerscheinung abtun.“

An ihrer Wand hängt ein Schwarzweiß-Foto von Istanbul, schräg gegenüber klebt ein Farbposter, „Oldenburg … ist bildschön“ steht darauf. Polat blättert im Statistischen Jahrbuch der Stadt, darin steht: Oldenburg ist auch ganz schön multikulturell.

Fast 10 000 Ausländer leben in der Stadt, das sind knapp sechs Prozent der Einwohner. Die größte Gruppe bilden die Türken, gut 2000 gibt es laut Jahrbuch in Oldenburg. „Aber“, warnt Polat, „diese Zahl täuscht, es sind viel mehr.“ Viele Türken besitzen bereits die deutsche Staatsbürgerschaft, sie fallen aus der Ausländer-Statistik heraus. Polat spricht deshalb lieber von „Menschen mit Migrationshintergrund“, und den hat in Oldenburg jeder sechste Einwohner, Tendenz steigend. „Bei den Dreijährigen liegt der Anteil der Migrantenkinder locker bei 30 Prozent, in Stadtteilen wie Kreyenbrück oder dem Kennedyviertel bei über 50 Prozent.“

Probleme bei der Ausbildung

Und das hier ist der Auftrag von Dr. Ayca Polat, Integrationsbeauftragte der Stadt: Sie soll dafür sorgen, dass all diese Kinder in die deutsche Gesellschaft integriert werden.

Polat klopft aufs Statistische Jahrbuch, denn darin findet sich Schwarz auf Weiß ihr Problem: „Über 25 Prozent der ausländischen Schulabgänger haben keinen Hauptschulabschluss“, sagt sie, „und nur elf Prozent erlangen die Hochschulreife.“

„Das ist ganz schön peinlich für uns“, stöhnt Abdulkadir Coban. Er wurde vor 30 Jahren in Yedigözeler, Türkei, geboren. Vor sieben Jahren kam er nach Deutschland. In Oldenburg studiert er Integrated Media, nebenberuflich baut er den gemeinnützigen Dialog-Lernkreis e.V. wieder auf. Der war vorübergehend in finanzielle Schieflage geraten, zum neuen Schuljahr soll es wieder Nachhilfeunterricht für Migrantenkinder geben.

„Das ist peinlich“, sagt der kräftige Mann noch einmal: „Wenn ich berühmte Türken im Fernsehen sehe, dann sind das Fußballer oder Rapper!“ Migrantenkinder bräuchten bessere Vorbilder, findet er, er selbst wäre eines Tages gern eines: Coban will Universitätsprofessor werden. Denn Bildung, weiß Coban, ist der Schlüssel zur Integration.

Ayca Polat kennt Abdulkadir Coban, sie kennt auch Tuncay Dincer und Yakup Castur, ohne diese Leute könnte die Integrationsbeauftragte ihr Problem nicht lösen. „Die Türken sind ja keine Einheitsmasse“, sagt sie; erst mit Hilfe der türkischen Vereine kommt sie an die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen heran und kann den Eltern erklären, dass ihre Kinder unbedingt frühzeitig Deutsch lernen müssen und wie wichtig Schule und Ausbildung sind.

Polat kennt natürlich auch Erdal Sarigül, geboren vor 50 Jahren in Izmir, Türkei. Sarigül steht mal wieder auf einem Fußballplatz in Oldenburg-Kreyenbrück. Tagsüber arbeitet er im Kfz-Handel, abends trägt er einen Trainingsanzug, in seiner Freizeit ist er „Präsident und Mädchen für alles“ beim TSV, beim Türkischen Sportverein. Er zeigt stolz auf das Getummel auf dem Rasen, vier Mannschaften trainieren hier gerade.

Integration beim Sport

Vor 25 Jahren haben Oldenburger Türken den TSV gegründet, weil sie Fußball spielen wollten, wegen ihrer schlechten Deutschkenntnisse aber Integrationsprobleme bei den örtlichen Clubs hatten. „Jetzt integrieren wir selbst andere“, sagt Sarigül in perfektem Deutsch: Da vorn laufen sich Schülerinnen der Hauptschule Kreyenbrück warm, bald sollen sie die zweite Mädchenmannschaft des TSV bilden. „Wir haben Türken, Deutsche, Tschechen, Polen, Afrikaner, Kurden“, erklärt Sarigül: „Die lernen bei uns gemeinsam Deutsch, die finden Freunde.“ 250 Mitglieder hat der TSV mittlerweile, nur ein Clubhaus fehlt. „Aber das kriegen wir auch noch“, sagt Sarigül: „Wir brauchen ein wenig Hilfe von der Stadt, bauen können wir dann selber: Wir haben viele Handwerker im Verein.“

Unterricht für alle

Auch die Mitglieder der DITIB-Gemeinde haben einst ihre Moschee selbst ausgebaut. Sie wollten in Oldenburg leben, aber sie wollten eben auch ihren Glauben leben können. Yakup Castur, der Dialog-Beauftragte, sagt: „Ich spreche Deutsch, ich zahle Steuern, ich halte mich an die Gesetze – ich habe keine Integrationsprobleme.“ Er wünscht sich aber, dass seine Kollegen endlich verstehen, warum er kein Schweinefleisch isst. Und deshalb gibt es in den Gemeinschaftsräumen der Moschee bald nicht nur Deutschunterricht für die Kinder der Gemeinde, sondern auch Unterricht für Nicht-Muslime. Titel der Kurse: „Was ist Islam?“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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