CUXHAVEN/AMRUM - Zehn Jahre nach dem „Pallas“-Unglück in der Deutschen Bucht hält die Diskussion um den optimalen Katastrophenschutz an der Küste an. „Wir brauchen dringend eine zentrale Küstenwache“, forderte der Sprecher der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN), Hans von Wecheln. Behördenvertreter wie der Chef des Havariekommandos in Cuxhaven, Hans-Werner Monsees, halten die seither aufgebauten Hilfsstrukturen dagegen für optimal. Der Holzfrachter „Pallas“ war am 25. Oktober 1998 vor der dänischen Küste in Brand geraten und nach einer viertägigen Irrfahrt vor Amrum gestrandet.

Es habe in der Vergangenheit schwerwiegendere Seeunfälle als den der „Pallas“ gegeben, bilanzierte Jochen Hinz, der 1999 die Seeamts-Untersuchung um die Unglücksursache leitete. „Aber nur selten gab es in der Öffentlichkeit so intensive Auseinandersetzungen, Medienberichte, politische Abrechnungen und Vorverurteilungen.“ Als die Holzladung der „Pallas“ an jenem Nachmittag Feuer fing und das brennende Schiff Stunden später in stürmischer Nacht von der Besatzung aufgegeben wurde, begann ein beispielloses Drama.

Erst während der späteren Seeamtsuntersuchung und vor einem Untersuchungsausschuss des Kieler Landtages wurde die gesamte Tragweite des Geschehens sichtbar.

Von den dänischen Kollegen nur unzureichend informiert und selbst von der Situation überfordert, griffen die deutschen Schifffahrtsbehörden viel zu spät in das Geschehen ein. Auch verzweifelte Bergungsversuche konnten dann den steuer- und antriebslos treibenden Frachter nicht mehr stoppen.

Zudem mangelte es an geeigneten Geräten; das Wetter behinderte Hubschraubereinsätze. Auf See gab es Kommunikationsprobleme zwischen den beteiligten Behördenschiffen. Der einzige deutsche Hochseebergungsschlepper wurde zu einem anderen Einsatz beordert.

Am 29. Oktober strandete die „Pallas“ in den Morgenstunden vor Amrum. Dutzende Tonnen Schweröl sickerten aus dem Wrack und verschmutzten die Strände mehrerer nordfriesischer Inseln. „Das war aber nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was bei einem großen Tankerunglück passieren würde“, ist von Wecheln überzeugt.

Ob die von einer unabhängigen „Pallas“-Expertenkommission im Februar 2000 vorgeschlagenen Verbesserungen für den Katastrophenschutz auf See ausreichen, ist seither umstritten. „Wir sind gut aufgestellt“, ist Monsees überzeugt. Das vor fünf Jahren gegründete Havariekommando kann im Unglücksfall alle Befehlsgewalt an sich ziehen; außerdem gibt es enge Verbindungen zu den Nachbarländern und regelmäßige Übungen auf See. Ab 2010 sollen zudem zwei neue Hochseebergungsschlepper die Flotte der Hilfsschiffe in Nord- und Ostsee verstärken.

Doch nach wie vor sind fünf Bundesministerien, fünf Küstenländer und rund 30 Behörden für die Sicherheit auf See zuständig. „Es ist an der Zeit, dass diese Ämter zu einer Küstenwache zusammengelegt werden, die auch den Namen verdient“, meint von Wecheln. Das sei nicht nur wegen möglicher Schiffskatastrophen notwendig, „sondern auch wegen der Terrorgefahren eine reine Sicherheitsfrage“.

Wegen der unterschiedlichen Kompetenzen von Bund und Ländern konnten sich die deutschen Politiker bislang nur auf ein „Maritimes Sicherheitszentrum“ verständigen. Seit 2005 sitzen in dem Zentrum Vertreter von Bundespolizei, Wasserschutzpolizei, Schifffahrtspolizei, Fischereischutz und Zoll an einem Tisch. Weisungsbefugnisse hat aber keiner von ihnen.

Selbst das Gebäude ist nach wie vor ein Provisorium. Vor fünf Jahren hatte das Bundesverkehrsministerium zwar schon ein Haus gekauft, das sich dann aber als überteuert und völlig ungeeignet herausstellte. Seither haust das Sicherheitszentrum auf beengtem Raum und in Containern. Wie lange das noch so sein werde, sei unklar, sagte eine Sprecherin des Verkehrsministeriums jetzt – zehn Jahre nach dem „Pallas“-Unglück.