DAMME - Nein, sagt Michael Bohne lächelnd, Engel hätten keine gesungen. Er habe auch keine Marien-Erscheinungen gehabt und keinen brennenden Dornbusch gesehen.
Den Abiturienten aus Damme traf die Berufung nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel – es gab da nur seit Jahren diese Frage in seinem Kopf, die immer wieder um Antwort bat: Wäre Priester vielleicht ein spannender Beruf für dich?
Bohne war ein begeisterter Messdiener und Jugendgruppenleiter in der St.-Viktor-Gemeinde. „Aber Kirche ist nicht gerade cool“, überlegte er, „und Priester sind doch Menschen, die irgendwie anders sind, die außergewöhnlich sind.“ Bohne fand sich ziemlich gewöhnlich, die Frage nach dem Priesterberuf schob er also beiseite.
„Aber Fragen verschwinden nicht, wenn man sie nicht klärt“, sagt Bohne.
Vorlesung in Liturgie
Er sitzt in seinem kleinen Zimmer, Wohngemeinschaft 1-Ost, Apartment 121. Es gibt ein Klappbett, einen großen Schreibtisch und ein kleines Radio, an der Wand hängen Heiligenbilder und ein Kreuz. Bohne trägt eine blaue Jeans und ein rotes Poloshirt, seine Augen blicken fröhlich durch eine randlose Brille mit hellblauen Bügeln. Auf dem Tisch liegt schon der Collegeblock bereit, denn gleich beginnt zwei Straßen weiter die Vorlesung: Liturgiewissenschaft bei Professor Leonhard, heute geht es um die Eucharistiefeier. „Ich will ein bisschen früher da sein“, sagt Bohne, „denn ich muss noch etwas loswerden.“
Er eilt also aus dem Haus, überquert den Domplatz, läuft an der Petrikirche vorbei ins Fürstenberg-Haus, nimmt die Treppe zum Hörsaal F2. Dort grüßt er links und rechts schnell ein paar Kommilitonen, bevor er sich ans Rednerpult stellt und mit fester Stimme verkündet: „Ich möchte euch gern einladen: Nächste Woche findet bei uns im Borromäum wieder unser Gästeabend statt.“ Die Studenten klatschen, Gästeabende bei Michael und seinen Mitbewohnern sind sehr beliebt: Am Ende landen immer alle in der Kellerbar.
Die Bar heißt „ZöliBar“.
Michael Bohne, 24 Jahre alt, ist einer von 75 Priesteramtskandidaten im Bistum Münster. Er studiert im 9. Semester Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität, in drei Jahren soll er geweiht werden.
Gegenüber liegt der Dom
Wenn Bohne sich ein Stück aus seinem Fenster im Ostflügel des Borromäums beugen würde, könnte er den mächtigen Paulusdom sehen. Der wurde gerade für den Feiertag geschmückt, gelb-rote Flaggen flattern im Wind. Gleich neben dem Dom, im prächtigen Generalvikariat, wohnt der Bischof, auch hier wehen Fahnen.
Bohnes Blick aus dem Fenster würde aber auch den Westflügel des Borromäums streifen. Früher wohnten dort ebenfalls Priesteramtskandidaten, heute ist der Flügel für Fortbildungen frei.
Leben mit dem Zölibat
„Der Dom, das Generalvikariat, das Borromäum, all diese beherrschenden Gebäude im Stadtzentrum – das ist Ausdruck einer Kirche, die es gar nicht mehr gibt!“ Regens Dr. Andreas Tapken schaut durch das Fenster seiner Dienstwohnung auf den Domplatz, Doppeltüren schützen seine Worte vor neugierigen Ohren. Er kichert kurz: „Auch diese Wohnung über dem Haupteingang gehört zur Kirche von früher – der Regens, der alles und alle jederzeit im Blick hat.“
Tapken, Jahrgang 1965, stammt wie Bohne aus dem Landkreis Vechta, er wuchs in Visbek auf. Seit sechs Jahren leitet er das Priesterseminar in Münster. „Als ich 1984 hier im Borromäum meine Ausbildung anfing, waren wir 200 Kandidaten. Seitdem ging die Zahl stetig zurück.“
Die Gründe sind vielfältig, sagt er: der Pillenknick und die geburtenschwachen Jahrgänge, der Rückgang der Gläubigen, der Rückgang der Einwohner in Deutschland insgesamt, der Bedeutungsverlust von Kirche im Sozialen. „Als ich jung war, ging man zur Messe, um Leute zu treffen“, erinnert sich Tapken.
Und der Zölibat? Tapken schüttelt den Kopf. „Es gäbe sicherlich den einen oder anderen, der zu uns käme, wenn es den Zölibat nicht gäbe“, sagt er. „Aber die Evangelische Kirche hat mindestens ebenso große Nachwuchsprobleme wie wir, am Zölibat allein kann es also nicht liegen.“
Rückläufige Zahlen
917 Priester gehörten Ende 2009 zum Bistum Münster, 2008 waren es noch 930. Tendenz: weiter sinkend, denn nur 68 dieser 917 Priester sind jünger als 40 Jahre, knapp 60 Prozent sind bereits über 60. „Die Priesterzahlen sind klar rückläufig“, bestätigt Karl Hagemann, bischöflicher Pressesprecher in Münster: „Wir hatten 1993 noch 17 Priesterweihen, 2000 waren es 9, 2003 waren es 7.“ Die fallende Kurve ließe sich weiterzeichnen: 2010 wurden nur noch 2 Männer geweiht. „Im Jahr 2011 werden wir aber voraussichtlich zehn Weihen haben“, vermeldet Hagemann stolz.
„Voraussichtlich“ – denn kaum ein Ausbildungsberuf in Deutschland hat mit höheren Abbrecherquoten zu kämpfen als der des Priesters: Rund die Hälfte der Studenten im Borromäum verlässt das Seminar vorzeitig. „Auch dabei ist der Zölibat aber nicht der Hauptgrund“, sagt Tapken. „Viele haben Schwierigkeiten mit dem Studium, andere hatten einfach andere Vorstellungen von Kirche und Priesteramt.“
Keine Zeit zum Jobben
Unterm Dach des Borromäums hat Michael Bohne derweil seinen Gesangsunterricht beendet. Kirchenmusikerin Jutta Bitsch hat mit ihm die Psalmentöne geübt; es gibt neun verschiedene Melodien, über die man diese Bibelverse singen kann. Bohne lächelt, er wird immer besser, hat die Lehrerin gesagt. Mit dieser Stimme kann er vor der Gemeinde bestehen.
Die Frage nach dem Priesterberuf hat er für sich geklärt, indem er sagte: Ich versuchs einfach. Er absolvierte das Propädeutikum, das geistliche Praktikum, reiste nach Israel, studierte die Bibel, trat schließlich ins Seminar ein. Seine Familie unterstützt ihn dabei, emotional und finanziell. Knapp 250 Euro zahlen die Priesteramtskandidaten für Kost und Logis im Borromäum, und natürlich müssen sie auch Studiengebühren zahlen. Zum Jobben bleibt kaum Zeit, zu dicht ist das Programm im Borromäum mit Hausdiensten, Gebeten und Messen.
„Manches ist für mich immer noch schwierig“, gibt Bohne zu, der Zölibat zum Beispiel. „Will ich das, kann ich das?“ Zum Glück sei Sexualität ein wichtiges Thema in der Ausbildung, es gebe Seminare und Gespräche dazu.
Und „cool“ sei Kirche immer noch nicht, „gerade heute ist es nicht immer leicht, zur Kirche zu gehören.“ Die meisten Menschen reagierten, vorsichtig ausgedrückt, „verwundert“, wenn sie von Bohnes Berufsplänen hörten. „Aber ich habe in der Kirche so viel Gutes erlebt, das möchte ich gern weitergeben.“
Kontaktmann zum Propst
Bohne muss jetzt weiter, er hat ja noch einen Nebenjob: Er ist der Kontaktmann des Borromäums zum Dompropst. Gegenüber im Dom muss er schnell mit den Messdienern üben, wie sie morgen beim Feiertagsgottesdienst zu gehen und zu stehen haben.
Und dann zieht auch schon Weihrauchgeruch durchs Borromäum, die abendliche Vesper in der Hauskapelle hat begonnen. Bohne hält das Gesangsbuch in der Hand, Psalm 199b, aber er kennt die Zeilen auswendig. Mit kräftiger Stimme singt er: „Herr, ich will Deiner Weisung beständig folgen, auf immer und ewig.“
Vor kurzem hat der 24-Jährige die Admissio erhalten. Der Bischof hat ihn damit offiziell in den Kreis der Weihekandidaten aufgenommen. „Irgendwann“, sagt Michael Bohne, „wird die Zahl der Katholiken wieder steigen.“
