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Schiffskatastrophe: Das Leben nach dem Untergang

30.01.2015

Berlin /Gotenhafen Sie geht tanzen, sie lacht, sie ist fröhlich, und alle Leute denken, sie muss glücklich sein, diese muntere alte Frau. Aber das ist sie nicht. Sie war es nie wieder, seit sie an jenem Dienstag vor 70 Jahren um 21.16 Uhr dieser dumpfe Schlag aus dem Bett hob.

Bruno. Heike. Die eiskalte Ostsee.

„Es gibt ein Kämmerlein ganz hinten in meinem Herzen, da habe ich das alles eingeschlossen“, sagt Edith Seppelt, sie ist jetzt 92 Jahre alt. „Ich muss ja weiterleben.“

18 Grad unter Null

Da ist dieses Schiff, die „Wilhelm Gustloff“, für kurze Zeit war es das größte Kreuzfahrtschiff der Welt: 209 Meter lang, 25 Meter breit, Platz für 1465 Passagiere, Schwimmbad, Musikhalle, Rauchersalon; es war nach Madeira gefahren, nach Venedig und in die norwegischen Fjorde. Jetzt liegt es in Gotenhafen, grau angestrichen, ein Ausbildungsschiff für U-Boot-Kadetten. Bruno, ihr Bruno, ist einer der Ausbilder. Und sie, Edith, ist bei Bruno – und glücklich.

Aber die Rote Armee rückt immer näher, Ostpreußen ist eingekesselt, Hunderttausende Deutsche fliehen nach Gotenhafen. Am 21. Januar befiehlt Großadmiral Karl Dönitz das „Unternehmen Hannibal“: Die U-Boot-Kadetten sollen nach Westen verlegt werden, beim Rücktransport sollen die Schiffe so viele Flüchtlinge wie möglich mitnehmen. Immer mehr Menschen strömen auf die „Wilhelm Gustloff“, bei 6050 hörten sie auf zu zählen. Am Ende sollen 10 500 Menschen an Bord sein, sie hocken in der Musikhalle, im Rauchersalon, auf den Stiegen. Im Schwimmbad sitzen junge Mädchen, Marinehelferinnen.

Bruno lässt seine Edith an Bord holen, im Arm hält sie Töchterchen Heike, fünf Monate alt.

Die „Wilhelm Gustloff“ ist notdürftig bewaffnet, zwei Flakgeschütze sind aufs oberste Deck montiert; steuerbord fährt das Torpedoboot „Löwe“ als Begleitung mit. Als die Schiffe am 30. Januar 1945 gegen Mittag in See stechen, zeigt das Thermometer 18 Grad unter Null an. Ein eisiger Wind zieht auf, er wühlt die Wellen auf.

Edith wird seekrank.

Und irgendwo in der rauen See lauert ein sowjetisches U-Boot: S-13.

Es sind Bücher geschrieben worden über S-13 und seinen Kommandanten, Alexander Iwanowitsch Marinesko. Ein Trunkenbold soll er gewesen sein, ein Schürzenjäger, bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen. Die Räumung der deutschen Ostseehäfen soll ihm nun den ersehnten Treffer bringen und damit die Rehabilitation, so ist sein Plan. Vier Torpedos hängen in den Rohren, sie sind beschriftet: „Für das Mutterland“, „Für Stalin“, „Für das sowjetische Volk“, „Für Leningrad“.

Bootsmann Anatoli Winogradow sieht die Positionslichter der „Wilhelm Gustloff“ als erster. Er ruft Marinesko auf den Turm. Aufgetaucht nimmt S-13 die Verfolgung auf. In den Büchern stehen später starke Sätze: „Donnerwetter, der Kasten hat mehr als 20 000 Tonnen – und er ist sicher bis obenhin vollgepackt mit Soldaten!“ Marinesko soll das ausgerufen haben, bevor er von backbord angreift. Drei Torpedos treffen, „Für Stalin“ bleibt im Rohr stecken.

Nur 1239 Überlebende

Ein erster dumpfer Schlag, Edith fliegt aus ihrem Bett. Ein zweiter Schlag, ein dritter. Edith wickelt Heike in eine Decke und tastet sich zum Schott. Menschen schreien. Das Schiff kippt in Schräglage. Dann kommt das Wasser, eiskalt. Eine gewaltige Welle trägt Edith weit in die Ostsee. Sie kann Heike nicht festhalten.

Als die „Wilhelm Gustloff“ sinkt, leuchten alle Lampen auf. Edith überlebt mit einem Schädelbasisbruch, ihre Retter bringen sie in ein Krankenhaus auf Rügen. Sie ist eine von 1239 Überlebenden.

Heike ist tot, Bruno ist tot, gestorben in der eiskalten Ostsee. Die genaue Zahl der Toten ist unbekannt, es sollen mehr als 9000 sein – sechsmal so viele wie beim Untergang der „Titanic“. Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ ist die schlimmste Schiffskatastrophe der Neuzeit.

U-Boot-Kommandant Marinesko setzt die Jagd in der Ostsee fort. Zehn Tage später versenkt S-13 die „Steuben“, wieder sterben mehrere tausend Menschen, größtenteils Flüchtlinge. 27 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1990, wird Marinesko zum „Held der Sowjetunion“ ernannt. Denkmäler erinnern an ihn.

Ein kurzes Glück

Edith Seppelt kehrt nach Berlin zurück. Jahrelang schaut sie keinen Mann an, „ich war nur in Trauer“, sagt sie. Bruno, Heike, die eiskalte Ostsee. Irgendwann sperrt sie den Schmerz dann in das Kämmerlein ganz hinten in ihrem Herzen. „Ich wurde hart“, sagt sie. Sie heiratet, wird wieder Mutter. Heute hat sie vier Urenkelkinder, das fünfte ist unterwegs.

Sie geht tanzen, ihr Verein heißt „Blau-Silver Berlin“, sie ist schon lange die Älteste dort. Oft lacht sie ihr glockenhelles Lachen, es ist immer noch ansteckend. Sie hat einen Lebensgefährten, er ist 87. „Das alles gibt mir Kraft“, sagt sie, „ich bin zufrieden.“ Aber glücklich sein, das konnte sie nie wieder, „das geht ja nicht, wenn man solch einen Verlust empfunden hat“. Sie lacht das glockenhelle Lachen: „Ich war eineinhalb Jahre glücklich – wer kann das schon von sich sagen.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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