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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

„Den Tod in das Zimmer gelassen“

27.02.2015

Oldenburg /Delmenhorst Es ist der Tag der großen Gefühle im Gerichtssaal: Niels Högel schaut entsetzt, als das Urteil verkündet wird, Gaby Lübben hat Tränen in den Augen, Kathrin Lohmann lächelt erstmals, Christian Marbach atmet auf. „Das Verfahren hat uns alle an bestimmte Grenzen geführt, einige darüber hinaus“, stellt Richter Sebastian Bührmann fest. Um 15.10 Uhr ist der Spuk nach einem halben Jahr beendet. Ex-Krankenpfleger Högel muss lebenslang hinter Gitter. Die Erleichterung im Saal ist riesig.

Dabei probiert Verteidigerin Ulrike Baumann am Morgen alles, um die Höchststrafe für ihren Mandanten abzuwenden. Fast eine Stunde lang plädiert sie Högel für halbschuldig: keine Mordabsicht, keine Heimtücke, keine niederen Beweggründe. Und kommt zum Ergebnis: Totschlag plus Körperverletzung ergibt eine zeitlich begrenzte Freiheitsstrafe.

„An seiner Schuld besteht kein Zweifel, aber an der Schwere der Schuld schon“, sagt Baumann. Taktik oder verzweifelte Hoffnung auf Milde?

Fast vier Stunden berät sich die Kammer. Für die Urteilsverkündung benötigt Bührmann keine Minute. Als der Richter Högel die „besonderen Schwere der Schuld“ bescheinigt, sackt der 38-Jährige leicht zusammen. Kurze Pause für die Journalisten – die Nachricht muss hinaus in die Welt. Dann begründet der Richter ausführlich und wortgewaltig das Strafmaß.

Högel sei mit seinem Beruf spätestens am Klinikum Oldenburg überfordert gewesen. „Sie waren am falschen Ort, und das ist fatal für uns alle.“ Högel habe im Klinikum Delmenhorst den Kick der Reanimation gesucht, aus Eitelkeit, für den Nervenkitzel, um sich besser zu fühlen. „Sie waren schon so weit abgestumpft und verroht.“

Högel habe die komatösen Patienten auf der Intensivstation nicht mehr als Menschen gesehen. „Die Menschen waren Spielfiguren für Sie – in einem Spiel, in dem nur Sie gewinnen und die anderen alle verlieren konnten.“

Högel habe sich immer wieder nach dem gleichen Schema Opfer ausgesucht, eine Überdosis des Herzmedikaments Gilurytmal verabreicht, die Monitore ausgestellt, damit nichts auffällt. „Auf diese Weise haben Sie den Tod in die Zimmer der Menschen gelassen“, ruft Bührmann – und benennt die sechs bisher bekannten Opfer des Klinikmörders.

Ein Fall wurde 2008 abgeurteilt. Fünf diesmal. Wie viele beim nächsten Prozess? Insgesamt 90 Anschläge mit Gilurytmal in Delmenhorst hat Högel gestanden, 30 Tötungen. Und in Oldenburg, Wilhelmshaven, im Rettungsdienst? Die Polizei untersucht mehr als 200 Verdachtsfälle, will Dutzende Leichen exhumieren und auf den Wirkstoff Ajmalin untersuchen. Högel bestreitet andere Tatorte. „Sie haben gesagt, das war alles, und wir glauben Ihnen soweit“, erklärt Bührmann.

Warum hat niemand den Todespfleger gestoppt? Die Kammer sieht eine Mitschuld bei den Kliniken. In Wilhelmshaven sei Högel völlig unauffällig gewesen, bescheinigt Bührmann. Mit dem Wechsel ins Klinikum Oldenburg 1999 habe er sich auf den „Weg bergab“ begeben. Angst, Depression, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch gesellten sich bald zum Stress.

„Wie viele Jahre hatten Leute ein ungutes Gefühl – und es ist nichts passiert? Das macht einen traurig“, sagt der Richter. Högel sei am Klinikum Oldenburg erst versetzt und später freigestellt worden. „Die müssen ein sehr schlechtes Gefühl gehabt haben.“ Es seien aber Chancen vertan worden, auf Högel einzuwirken. Auch später im Klinikum Delmenhorst, wo sogar Beweismittel verschwanden.

Im Urteil folgt die Kammer weitestgehend der Staatsanwaltschaft: zwei Morde, zwei Mordversuche. Beim fünften Opfer ist die Sache dagegen juristisch knifflig. Mord? Mordversuch? Oder Rücktritt davon? Im Zweifel für den Angeklagten, sagt die Kammer; also nur gefährliche Körperverletzung. Macht vier mal lebenslang plus neun Jahre. Neun Monate werden wegen der langen Ermittlungsdauer abgezogen.

„Ich möchte mein Bedauern ausdrücken und dafür um Entschuldigung bitten“, sagt Bührmann an die Adresse der Angehörigen. Für Högel wird unter dem Strich eine Gesamtstrafe gebildet: lebenslänglich. Und wegen der „besonderen Schwere der Schuld“ kann der 38-Jährige nicht nach 15 Jahren wieder auf freien Fuß kommen.

„Wir müssen das Urteil sacken lassen und eine Nacht darüber schlafen. Dann überlegen wir, ob wir Revision einreichen“, sagt Verteidigerin Ulrike Baumann.

„Das Urteil ist eine Genugtuung. Ich bin meiner Mutter schuldig gewesen, den schwierigen Weg zu gehen“, kommentiert Nebenklägerin Kathrin Lohmann. Nun könne sie wieder ruhig schlafen.

„Das Urteil ist erwartungsgemäß ausgefallen. Man muss jetzt darüber nachdenken, wie man solche Fälle künftig verhindert“, meint Erich Joester, Anwalt des Klinikums Delmenhorst, nüchtern.

Die Akte Högel kann damit noch lang nicht zugeklappt werden, vielleicht noch jahrelang nicht. „Wir werden uns wiedersehen, Herr Högel“, verabschiedet sich Richter Bührmann vom Verurteilten.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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