• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • LocaFox
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Der Angriff des Wutbürgertums

03.05.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-05-03T14:06:03Z 280 158

Tag Der Pressefreiheit:
Der Angriff des Wutbürgertums

Oldenburg Es ist schon Routine geworden: auf der einen Seite „Pegida“, auf der anderen Gegendemonstranten, dazwischen Polizei. Und mittendrin Journalisten. Jeden Montag lassen sich Reporter, Kameramänner und Fotografen beschimpfen und bespucken – nicht nur in Dresden. Genauso wie die Deutschland-Fahnen und die Sprechchöre gegen die „Merkel-Diktatur“ gehören auch Anfeindungen gegen die sogenannten „Staatsmedien“ zur Routine.

Doch es bleibt nicht bei Drohungen: Mindestens elf tätliche Angriffe verzeichnet das Leipziger Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) in diesem Jahr. Im vergangenen Jahr sei es zu mindestens 49 solcher Übergriffe auf Pressevertreter gekommen, berichtet das Europäische Zentrum für Presse- und Medienvertreter. Die Dunkelziffer sei allerdings deutlich höher.

Hohe Dunkelziffer

Früher seien Angriffe in der Regel eine direkte Reaktion auf Recherchen im rechtsradikalen Milieu gewesen. Das hat sich geändert: Allein 30 der Übergriffe wurden in Sachsen – meist während Demonstrationen des islamfeindlichen Pegida-Bündnisses und seiner Ableger sowie der rechtspopulistischen AfD – verzeichnet, heißt es beim ECPMF. ZDF und MDR schicken Journalisten nur noch auf freiwilliger Basis und mit Personenschützern zu den Kundgebungen.

Aus gutem Grund: Im September 2015 werden in Dresden MDR-Reporter getreten, ein Zeitungs-Journalist geschlagen, die Menge johlt. Knapp sechs Wochen später schlägt eine ältere Frau der MDR Info-Reporterin Ine Dippmann in Leipzig mit voller Wucht ins Gesicht. Ende Januar werden zwei MDR- und ein ZDF-Mitarbeiter mit Pfefferspray attackiert.

„Was sagt das über unser Land und seine Debatten­kultur? Wer nicht mitläuft oder zumindest die Klappe hält, wird verprügelt? Journalisten sind per se ,der Feind‘?“, fragt Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). „Die Durchsetzung des Rechts auf Pressefreiheit wird für uns Medienleute anstrengender.“

„Was wir da in den letzten beiden Jahren beobachten, hat eine neue Qualität – zumindest in der Intensität und in dieser Empörung, die da zum Ausdruck kommt“, sagt Leif Kramp, Medienforscher an der Universität Bremen. „Das ist eine unkontrollierbare Bedrohung für Journalisten, da sie aus der Bevölkerung kommt und Gruppen umfasst, die man gar nicht klar eingrenzen kann.“

Diese Bedrohung schlägt sich auch in der Rangliste der Pressefreiheit nieder, die die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) regelmäßig im Vorfeld des Tags der Pressefreiheit am 3. Mai erstellt. Vier Plätze ist Deutschland abgerutscht – Platz 16 von 180. Auch wenn ROG die „schleichende Erosion der Medienvielfalt“ durch „Zusammenlegung von Redaktionen, Einsparungen und Entlassungen“ feststellt sowie das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung kritisiert, das Journalisten zu wenig schütze – der Absturz habe vor allem mit der massiven Zunahme von Gewalt und Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen zu tun.

Mario Bialek hat es am 11. Januar in Merseburg getroffen. Bei einer AfD-Demo wurde der Fotograf eigenen Angaben zufolge attackiert. Bialek ist einer der Journalisten, die sich im Netz unter www.lügenpresse.de wehren. NPD-Veranstaltungen seien zum Teil unproblematischer als die des „Wutbürgertums“, sagt Bialek dort in einem Video.

Journalisten werden eingeschüchtert, Ordner kennen die Rechte der Berichterstatter nicht. „Neu ist, dass wir inzwischen auch ähnliche Übergriffe im Umfeld linksextremistischer Veranstaltungen registrieren“, sagt Martin Hoffmann vom ECPMF.

Medienforscher Kramp sieht darin kein rein deutsches Problem. „Wir haben insgesamt eine deutlich kritischere Haltung in der Bevölkerung gegenüber Journalisten, gegenüber profes­sioneller Berichterstattung, die dann auch angezweifelt wird in ihrer Professionalität“, sagt er.

„Es gibt Verschwörungstheorien, die behaupten, dass hier eine Lenkung von Leitmedien stattfindet.“ Kramp hat 2010 selbst das Verhältnis von Hauptstadtjournalismus und Politik untersucht. Sein Fazit: „Es gibt eine zum Teil große Nähe zwischen Berichterstattern und Politikern, das ist aber eher ein Verhältnis der Ausnutzung, da sich beide gegenseitig zu instrumentalisieren versuchen.“

Demagogen im Internet

Dass sich trotzdem eine „Empörungskultur“ entwickelt habe, liege vor allem an sozialer Kommunikation im Internet, „wo jeder seine Öffentlichkeit findet. Das war vorher Journalisten vorbehalten“, sagt Kramp. Die Presse büße bei bestimmten Gruppen immer mehr Glaubwürdigkeit ein zugunsten derer, „die es auf geschickte Weise schaffen, relevante Teile der Bevölkerung von ihren Sichtweisen zu überzeugen“.

MDR-Reporterin Dippmann lässt sich trotz allem nicht von der Arbeit abhalten. „Meine Position ist: Wir dürfen uns auf gar keinen Fall verstecken. Das wäre ein Einknicken“, sagte sie vor Kurzem. BDZV-Präsident Heinen ist sich ohnehin sicher: „Ich halte die Anwürfe, angeblich ,Lügenpresse‘ zu sein oder zu verbreiten, nur für eine Zeiterscheinung.“