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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Der hohe Preis des Billigfleisches

20.11.2014

Im Nordwesten Da, schon wieder: Ebola. Gerd-Ludwig Meyer starrt böse den Fernseher in der Hotelbar an, ein Hauptstadtsender sendet Breaking News, Ebola-Fehlalarm in Berlin. „Riesenaufregung“, schimpft Meyer, „dabei gab es meines Wissen keinen einzigen Toten in Berlin. Und wer interessiert sich für meine Toten?“ Er schüttelt den Kopf, soll heißen: niemand.

Dr. Gerd-Ludwig Meyer, 65 Jahre alt, Nierenarzt in Nienburg, hatte vier Tote in diesem Jahr, ein fünfter Patient liegt gerade im Sterben. Sie hatten sich nicht mit Ebola infiziert, sondern mit MRSA, Staphylococcus aureus: ein Erreger, der auf Antibiotika nicht reagiert. Meyer blickt wieder zum Fernseher mit dem Fehlalarm. Ein alter Mann, sagt er, Diabetiker, dialysepflichtig, infiziertes Herzschrittmachersystem, die Keime waren in der Blutbahn. Der alte Mann starb, Meyer konnte nichts dagegen tun.

Bis zu 15 000 Menschen sterben laut Gesundheitsministerium jährlich durch multiresistente Erreger. „Ich bezweifle das“, sagt Meyer: „Wenn ich im kleinen Nienburg schon fünf Tote habe, dann werden wir mit dieser Zahl doch verarscht!“

579 Tonnen Antibiotika

Wie viele Tote es tatsächlich sind, weiß keiner, auch die Zahl der Infektionen ist unbekannt, weil es kein Erfassungssystem gibt. Die Wochenzeitung „Die Zeit“, „Zeit online“ und das gemeinnützige Recherchebüro „Correctiv“ haben nun erstmals die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser in den 402 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland ausgewertet. Daraus geht hervor, dass Ärzte 2013 bei verstorbenen Patienten in mehr als 30 000 Fällen einen der drei häufigsten Keime MRSA, ESBL oder VRE abgerechnet haben.

Experten gehen deshalb von einer weitaus größeren Zahl an Toten aus – auch vor dem Hintergrund, dass längst nicht alle Infektionen erkannt werden. In der „Zeit“ spricht Prof. Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, „von mindestens einer Million Infektionen und mehr als 30 000 bis 40 000 Todesfällen, wahrscheinlich weit mehr“.

Auf einer Karte mit den Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland lässt sich sehr anschaulich erkennen, wo es die größten Probleme mit multiresistenten Keimen gibt: links oben, im Nordwesten Niedersachsens. Bei den MRSA-Diagnosen pro 1000 Krankenhauspatienten findet sich auf Platz 2 Cloppenburg (mit 18 Diagnosen), auf Platz 5 folgen die Landkreise Osnabrück und Emsland, auf Platz 6 Diepholz, Friesland, Wesermarsch, Wilhelmshaven und Vechta.

Eine zweite Karte, diese stammt vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, es geht um die Abgabe von Antibiotika für die Tierzucht. Wieder hebt sich der Bereich links oben vom Rest der Republik farblich ab, der Nordwesten leuchtet rot. Rot bedeutet: mehr als 50 Tonnen in 2013. Der Postleitzahlbereich 49 (Cloppenburg, Emsland, Diepholz, Osnabrück, Vechta) leuchtet sogar dunkelrot, hier waren es 579 Tonnen Antibiotika. Deutschlandrekord.

Für Dialysearzt Meyer gibt es keinen Zweifel: Der massenhafte Antibiotikaeinsatz bei Tieren ist die Ursache für die Antibiotikaresistenz bei Menschen. „Wir haben es hier mit einem handgemachten Problem zu tun. Der Preis für unser Billigfleisch sind neue Krankheiten.“

Gerd-Ludwig Meyer: roter Schal, Nadelstreifenblazer, kragenlanges Haar, theatralischer Auftritt; Besuchern drückt er zur Begrüßung einen Knochenschinken in die Hand, natürlich vom Meyerhof in Huntlosen, „das ist so eine Art Ritual“. Meyer wuchs auf im Landkreis Oldenburg, lernte auf dem elterlichen Hof Landwirt, kam über den zweiten Bildungsweg zur Medizin. Er betrieb mehrere Dialysepraxen, unter anderem in Oldenburg und Wildeshausen, verdiente viel Geld. Dann kam „meine Krise“, wie er es nennt. Meyer hörte auf zu arbeiten, er ging segeln, er langweilte sich. Er fing wieder an zu arbeiten, diesmal in Nienburg, „in einer gesunden Work-Life-Balance“, sagt er. Bis er plötzlich MRSA-Tote zählen musste. Und die Initiative „Ärzte gegen Massentierhaltung“ ins Leben rief.

Und deshalb sitzt er jetzt in einer Bremer Hotelbar und redet mit dem Reporter, gleich muss er weiter nach Hamburg. Derzeit hat er mehr Work als Life, mehr Arbeit als Leben.

Er referiert die Positionen seiner Initiative: dass sich das Auftreten von MRSA seit 1992 verzehnfacht hat. Dass Landwirte bis zu 86 Prozent Träger der Keime sind, Tierärzte bis zu 100 Prozent. Dass sich Keime aus Tierställen über die Luft bis zu einem Kilometer weit verbreiten. Dass 22 Prozent des frischen Hähnchenfleischs und 42 Prozent des frischen Putenfleischs keimbefallen sind.

Drei Verfahren

Und: dass diese Keime gesunden Menschen nichts anhaben. Wehe aber, wenn die Keime auf kranke Menschen treffen. Ein alter Mann, Diabetes, dialysepflichtig, Herzschrittmacher.

Das hat sich inzwischen herumgesprochen. In Krankenhäusern und Arztpraxen gelten hohe Hygienestandards, in Oldenburg gibt es ein Institut für Krankenhaushygiene mit einem Chefarzt.

„Das ist wichtig“, sagt Gerd-Ludwig Meyer, „aber das löst nicht das Problem!“

Wie löst man es dann?

August 2013, ein anonymer Brief für den Staatsanwalt, Anzeige gegen Unbekannt. Der Tatvorwurf: Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, Missbrauch von Antibiotika, „vor allem in der industriellen Geflügelhaltung in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg“. Es bestehe die große Gefahr der fahrlässigen Tötung infolge von Antibiotikaresistenz beim Menschen.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg erklärt, dass es natürlich schwierig sei, aus solchen allgemeinen Anschuldigungen konkrete Anklagen zu machen. Aber: In den vergangenen Jahren gab es drei größere Verfahren wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Gegen Tierhalter aus den Landkreisen Cloppenburg und Grafschaft Bentheim wurden Geldstrafen verhängt und eine Bewährungsstrafe.

Drei Fälle. Allein im Kreis Cloppenburg gibt es mehr als 2000 Betriebe.  

Homöopathie bei Tieren

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Kreisstelle Oldenburg-Nord. Auf dem Schreibtisch von Heino Martens liegen: Fermentgetreide. Rinderzuchtkräuter aus der Dose. Probiotischer Kraftreiniger. Martens betreut den „Arbeitskreis Homöopathie in der Tierhaltung“. In seinem Büro riecht es nach Oregano.

Agraringenieur Martens, 47 Jahre alt, sagt zuerst: „Ohne Antibiotika geht es nicht!“ Aber dann sagt er: „Es lässt sich minimieren – durch Naturheilverfahren.“

Mit Phytotherapie (Kräuterkunde). Effektiver Mikroorganismen. Akupunktur. Schüßler-Salzen. 421 Landwirte haben bereits an Martens’ Kursen teilgenommen, „nur in Oldenburg-Nord, nur im Bereich Rindvieh“, sagt er stolz. Zurzeit baut er ein Referentennetz aus, Seminare in ganz Niedersachsen, Thema Rind, Schwein, Geflügel. Und jedes Mal fragen ihn die Landwirte: Funktioniert das auch?

Es gab da zwei Versuchsbetriebe im Ammerland. Die Ergebnisse: Rückgänge bei der Euterentzündung um bis 99 Prozent. Bei den Klauenerkrankungen um 57 Prozent. Und: bei den Tierarztkosten um mehr als 31 Prozent.

Also alles ganz einfach? Natürlich nicht: Es gibt zu wenig Heilmittel, sagt Martens; anders als zum Beispiel bei Reitpferden sind die meisten bei sogenannten lebensmittelliefernden Tieren nicht zugelassen, „da muss sich der Gesetzgeber bewegen“. Es gibt auch zu wenig Geld vom Staat: Martens würde gern ein Forschungsprojekt starten mit 25 Betriebe. Und ein Kompetenzzentrum Naturheilkunde gründen. Kann er aber nicht, „dabei ist die Nachfrage da“.

In der Hotelbar in Bremen sagt Gerd-Ludwig Meyer böse: „Jeder Mensch soll Verantwortung übernehmen. Wer unbedingt Billigfleisch essen will, muss dann eben mit den Keim-Toten leben.“

Er selbst betritt seit sechs Jahren keinen Supermarkt mehr, sagt er. Und Fleisch isst er sowieso nur vom Meyerhof.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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