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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Der lange Abschied vom Altkanzler

03.07.2017

Straßburg /Speyer Helmut Kohl hätte sich wohl etwas anderes gewünscht. Vielleicht einen Aufmarsch junger Europäer aus den Ländern, für deren heutige Freiheit der am 16. Juni verstorbene deutsche Kanzler gesorgt hat. So etwas ähnliches wird es geben, später in Ludwigshafen und Speyer. Aber nicht hier, im Herzen Europas, in Straßburg.

Einen Staatsakt hatte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker „ausgerufen“, als er – zusammen mit Kohls Witwe Maike Kohl-Richter – nach einer angemessenen Form der Würdigung für den verstorbenen 87-jährigen CDU-Politiker suchte. Den ersten in der über 60-jährigen Geschichte dieser Gemeinschaft. Doch ein „Staatsakt“ durfte das Gedenken nicht sein. Also deklarierte man die Veranstaltung zu einer Trauerfeier um. Helmut Kohl hätte solche Wortklauberei gehasst – und mit einem Hinweis auf den „Mantel der Geschichte“ vom Tisch gewischt. Wichtiger noch: Es hätte sicher niemand zu widersprechen gewagt.

Die Trauergäste sitzen im weiten Rund des Europäischen Parlamentes: Sie verabschieden nicht nur einen deutschen Bundeskanzler. „Ich nehme Abschied von einem treuen Freund, der mich über Jahrzehnte liebevoll begleitet hat. Hier spricht nicht der Kommissionspräsident, sondern ein Freund, der Kommissionspräsident wurde“, sagt Jean-Claude Juncker.

EU-Ratspräsident Donald Tusk stammt aus Polen, einem der Länder, denen Kohl den Weg in die EU ebnete. Er erinnert an Kohls Handschlag in Verdun, eine von vielen Gesten, „die den Grundstein des modernen Europas“ legten. Doch es gebe noch viel zu tun, ergänzt der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedjew: „Die Berliner Mauer ist gefallen. Aber die Ideologie der Mauer besteht noch.“

Es ist viel vom Freund, vom deutschen Europäer, von dem Staatsmann die Rede. Aber es spricht wohl niemand so bewegend und liebevoll von dem Menschen Helmut Kohl wie der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton. Er erinnert an die Fragen, die damals die Alliierten beschäftigen: „Soll es nach dem Fall der Mauer ein wirklich vereintes Deutschland geben?“ Es sei Kohls Leidenschaft gewesen, die ihn überzeugte. Clinton erklärt: „Ich liebe diesen Mann. Denn er hatte einen Appetit. Und der ging deutlich über das Essen hinaus. Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand dominieren würde, eine Welt, in der Zusammenarbeit besser wäre als die Entscheidung individueller Diktatoren.“ Deswegen, so Clinton weiter, „sind wir heute alle hier: Danke, dass du uns die Chance gegeben hast, an etwas teilzunehmen, dass größer ist als wir selbst. Schlaf gut, mein Freund.“ Tosender Applaus verschluckt die letzten Worte seine Rede.

Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gelingt eine ihrer besten Reden, ein mehrfacher Brückenschlag mit dem Mann, der ihr politischer Ziehvater war – „ohne Sie stünde ich heute nicht hier“ – und dem sie deshalb versprach: „Ihr Vermächtnis werden wir weitertragen.“ Sie ist die Einzige, die Kohls verstorbene erste Ehefrau Hannelore erwähnt. Und obwohl Merkel weiß, wie verbittert Kohls Witwe Maike ihre Rede zu verhindern versucht hatte, erhebt sie sich nach ihrer Ansprache noch einmal, um ihr die Hand zu geben. Eine Geste, die in der Trauer verbinden soll, aber Kohl-Richter bleibt sitzen. Es ist diese private Unversöhnlichkeit, die einen Schatten auf alle Schwüre von Freundschaft und Größe wirft. Kohls Kinder, seine Enkel – sie bleiben dem Gedenken fern.

Bevor der Sarg aus dem Saal getragen und nach Speyer zum Trauergottesdienst geflogen wird, spielt das Orchester erst die deutsche und dann die europäische Hymne, die eine „Ode an die Freude“ ist.

Die Bundesluftwaffe bringt den Sarg nach Ludwigshafen, wo Hunderte Menschen still die Vorbeifahrt des Leichenwagens verfolgen. Am Rheinufer wartet das Ausflugschiff „Mainz“. Viele Staatsgäste hatte der einstige Kanzler auf diesem Deck empfangen. Nun trägt das Boot den Sarg nach Speyer, ein paar letzte Kilometer auf seinem geliebten Rhein. „Danke Helmut. Herzlich willkommen in Speyer“, heißt es auf einem überdimensionalen Plakat.

„Hier gewann er das politische Vertrauen seiner Partner für die Einheit Deutschlands mitten in einem geeinigten Europa“, sagt Karl-Heinz Wiesemann, Bischof von Speyer, in seiner Ansprache. Nach dem Trauergottesdienst wird der Sarg der Familie zur Beisetzung im engsten Kreis überlassen. Der Europäer Helmut Kohl ist für immer nach Deutschland heimgekehrt.

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