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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Der letzte Mann der 10. Kompanie

18.06.2011

OLDENBURG Es war der größte militärische Aufmarsch der Militär- und Menschheitsgeschichte. Eine riesige Kriegsmaschine überrollte die überraschten Grenztruppen der Roten Armee. Ein Sonntag. Der 22. Juni 1941. Der Morgen graute und die russischen Grenztruppen schliefen. Nur Hans Hellwig und die Männer der 10. Kompanie, die Oldenburger des Infanterieregiments 16, waren hellwach.

„Ich war 19“, erinnert er sich. Seit fast zwei Jahren war Hans Hellwig Soldat, als der Befehl zum Angriff auf die Sowjetunion kommt. „Mein Vater hatte vor dem Ersten Weltkrieg bei den 91ern in Oldenburg gedient. Ich wollte als junger Mann auch zum Militär und Unteroffizier werden. So war das damals.“

In seinem Arbeitszimmer im Haus der Familie bei Bad Zwischenahn hat sich Hans Hellwig einen Raum der Erinnerungen eingerichtet. Literatur, Aufsätze, Filme und Bilder des Zweiten Weltkrieges sind überall zu sehen. Mittendrin Hans Hellwig, ein kleiner drahtiger Mann, der im 90. Lebensjahr steht und der letzte Überlebende der 10. Kompanie des Infanterieregiments 16 aus Oldenburg ist. „Wir hatten früher eine Traditionsvereinigung. Wir haben sie 1998 aufgelöst, weil fast alle Ehemaligen verstorben sind.“

Hans Hellwigs Truppe, das Infanterie-Regiment 16, wurde am 1. Januar 1921 aufgestellt und in der Oldenburger Hindenburgkaserne stationiert. Das Regiment sollte an oldenburgische Militärgeschichte anknüpfen. Vor allem Hellwigs Kompanie, die Nummer 10, stand in der Tradition der legendären 91er, nach denen bis heute in der Hauptstadt des Oldenburger Landes eine Straße benannt ist.

„Wir waren als Luftlandetruppe ausgebildet“, blickt Hellwig zurück auf eine Zeit, die so weit zurück liegt, dass nicht mehr viele leben, die sie erlebt haben. Die Einheit kämpfte 1939 in Polen, beim Feldzug im Westen und war von Beginn des Russlandfeldzuges an dabei. „Ich erinnere mich genau. Es waren unerbittliche Schlachten und Kämpfe. Mann gegen Mann. Mit Gewehren, Granaten und Spaten. Die Rotarmisten haben ihre Heimat erbittert verteidigt. Ich verstehe das. Wir waren die Eindringlinge“, sagt Hans Hellwig heute.

Kampf um die Krim

Beim Kampf um die Krim sind die Truppen aus Oldenburg mittendrin. Es wird eine Schlacht, bei der Zehntausende fallen. Am Ende nehmen die Oldenburger die Stadt Sewastopol ein. Hans Hellwig ist nicht dabei. „Ich war verwundet, Erfrierungen zweiten Grades im Winter 1941“, erzählt er. Bis zum Juli 1942 wird um die Krim gefochten. „Ich war im Lazarett. Wäre ich dabei gewesen, ich hätte das wohl nicht überlebt.“

Wussten alle Soldaten von den Verbrechen von SS, Polizeieinheiten und Wehrmacht im Rücken der Front? „Man hörte Gerüchte. Nichts genaues. Ich kann es nicht mehr sagen, aber es war bedrückend, als wir es erfahren haben.“

Hans Hellwig sagt heute, dass er und seine Kameraden jung gewesen seien. „Zu jung, um zu verstehen, was eigentlich passiert.“ An der Wand in seinem Arbeitszimmer hängt ein vergilbter Zettel. Auf dem steht ein Zitat von Albert Schweitzer: „Die höchste Erkenntnis, zu der man gelangen kann, ist die Sehnsucht nach Frieden.“

Seinen Frieden mit dem Krieg und den Erlebnissen von Tod und Terror, Sterben und Trauer, hat Hans Hellwig bis heute nicht machen können. Die Erinnerung ist zu mächtig, die Bilder vom Russlandkrieg bleiben im Kopf-Kino. Am 13. Oktober 2011 wird er seinen 90. Geburtstag mit seiner Ehefrau, der Tochter und den Enkeln feiern. „Es ist ein Wunder, dass ich das erleben kann. Ich bin dankbar für dieses lange Leben.“

Lied für die Toten

Am Ende des Gesprächs geht Hans Hellwig an seinen Schrank und holt ein weißes Etui hervor. Darin ist eine Mundharmonika. Er setzt sie an und spielt – „Ich hatt’ einen Kameraden.“ Es ist das Lied, das der junge Feldwebel Hans Hellwig in Russland und an anderen Fronten des Zweiten Weltkriegs so oft gespielt hat, wenn die toten Kameraden begraben werden mussten. Vielleicht wird er es wieder spielen. Zum Volkstrauertag 2011 in der Oldenburger Henning-von-Tresckow-Kaserne am Gedenkstein für sein Regiment. Er, der letzte Überlebende der 10. Kompanie.

Hans Hellwig wurde am 13. Oktober 1921 in Oldenburg geboren.

17-jährig trat er ins Infanterieregiment 16 in Oldenburg ein. Kurz vor Kriegsende wurde er 1945 Kriegsgefangener der US-Army.

Das Regiment wurde 1921 in Tradition der 91er in Oldenburg aufgestellt.

Frank Jungbluth Chef vom Dienst (bis 2012)
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