Istanbul/Ankara - Hunderttausende sind auf die Straßen und Plätze in der Türkei geströmt, vielleicht sind es sogar Millionen, die der Müdigkeit trotzen. Kaum jemand hat in der dramatischen Nacht zuvor ein Auge zugemacht. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sie gerufen, unterstützt von Muezzins, die über Moscheelautsprecher dazu auffordern, den öffentlichen Raum nicht den Putschisten zu überlassen. Auch auf dem Istanbuler Taksim-Platz feiern bis in den Sonntagmorgen hinein Tausende den „Sieg der Demokratie“.

Niemand hatte damit gerechnet, dass am Wochenende über das Schicksal des Nato-Partners Türkei entschieden werden könnte. Explosionen und das Wummern schwerer Waffen erschüttern am späten Freitagabend plötzlich Istanbul. Im Tiefflug donnern Kampfjets über die Metropole, ihr Überschallknall lässt die Erde beben und Scheiben bersten. Geräusche aus einem Kriegsgebiet, mitten in der größten Stadt des Landes.

Irgendwann wird Erdogan im Sender CNN Türk zugeschaltet. „Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln“, sagt er. „Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.“

Ein lebensgefährlicher Appell. Doch er funktioniert. Menschenmassen strömen auf die Straßen und zum Atatürk-Flughafen. Furchtbare Videos kursieren im Internet, die zeigen, wie Soldaten, die sich ergeben haben, brutal misshandelt und angeblich gelyncht werden.

Unter dem Druck der Menschenmassen ziehen sich die Putschisten vom Atatürk-Flughafen in Istanbul zurück. Das ermöglicht Erdogans Präsidentenmaschine, dort gegen 2.30 Uhr zu landen.

Aus Erdogans Sicht ist da schon klar, wer hinter dem Putschversuch steckt: Sein einstiger Verbündeter Fethullah Gülen, der zu seinem Erzfeind geworden ist – und der Erdogan einst dabei unterstützte, die Macht des Militärs zu beschneiden. Schon seit Langem beschuldigt er den Prediger, parallele Staatsstrukturen aufgebaut zu haben, um ihn zu stürzen. An die Adresse der Gülen-Anhänger sagt Erdogan nun: „Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen.“

Westliche Experten zweifeln daran, dass Gülen genug Einfluss im Militär besitzt, um einen Putsch zu initiieren. Sie zweifeln auch an der Verschwörungstheorie, wonach der Präsident den Putsch inszeniert haben soll.

Der Aufstand ist allerdings eine Steilvorlage für Erdogans Forderung nach Einführung eines Präsidialsystems mit einem starken Mann an der Spitze – ihm selber. Der Putschversuch sei „letztendlich ein Segen Gottes“, sagt er – und werde als Anlass dienen, „dass unsere Streitkräfte, die vollkommen rein sein müssen, gesäubert werden“.

Der Präsident verkündet am Sonntag bei der Beerdigung eines Putschopfers, Tausende Menschen seien festgenommen worden – darunter Generäle und Verfassungsrichter. Die Hexenjagd hat begonnen. Die Polizei ruft alle Bürger dazu auf, Internetnutzer zu melden, die auf sozialen Medien „terroristische Aktivitäten“ unterstützen.

Die Putschisten haben die fragwürdige Behauptung aufgestellt, für die Demokratie zu putschen. Genau dieser Demokratie haben sie einen Bärendienst erwiesen. Howard Eissenstat, Nahost-Professor in New York, schreibt am Sonntag: „Wenn Sie gedacht haben, die Türkei sei gestern repressiv gewesen, dann warten Sie nur bis morgen.“