Istanbul - Türkische Zeitungen holen bei Konflikten mit Deutschland gern die Nazi-Keule heraus – auch am Tag nach der Demonstration von Anhängern von Recep Tayyip Erdogan in Köln. Dass der Präsident nicht per Videobotschaft zugeschaltet werden durfte, dient der Zeitung „Aksam“ als Beleg für „Erdogan-Angst in Deutschland“. Die Überschrift lautet „Heil Merkel!“ Daneben durfte sich ein Redakteur an der Bildbearbeitungs-Software versuchen – die Kanzlerin trägt Hitlerbart. Das Blatt „Yeni Akit“ titelte: „Deutschland ist kein Freund, sondern ein Feind.“

Vor diesem Hintergrund lesen sich die offiziellen Beschreibungen der bilateralen Beziehungen fast wie eine Farce. So nennt das Außenministerium in Ankara Deutschland „einen unserer wichtigsten Verbündeten“. Und das Auswärtige Amt in Berlin beteuert auf seiner Webseite: Es gebe „eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit auch in kontroversen Fragen“.

Richtig daran ist, dass es kontroverse Fragen gibt, wobei selbst das nach Untertreibung klingt. Im Streit über die EU-Visumfreiheit und den Flüchtlingspakt hat Außenminister Mevlüt Cavusoglu Brüssel gerade erst ein Ultimatum gestellt. Dass er sich dabei mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eines deutschen Mediums bediente, dürfte kaum ein Zufall gewesen sein: Kanzlerin Angela Merkel ist die Architektin des Paktes, gemeinsam mit dem damaligen türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu.

Die Völkermord-Resolution des Bundestags zu den Armeniern am 2. Juni schien bislang den Tiefpunkt in den Beziehungen zu markieren. Seitdem verweigert die Regierung in Ankara dem deutschen Botschafter Martin Erdmann jeden Termin. Weil Erdmann derzeit im Urlaub ist, bestellte das Außenministerium in Ankara am Montag wegen des Erdogan-Verbots in Köln den Gesandten der Botschaft ein, Robert Dölger. Trotz der Spannungen will Deutschland Erdmann auf seinem Posten lassen.

Aus Sicht Ankaras wollten Deutsch-Türken in Köln gegen den Putschversuch vom 15. Juli demonstrieren – und für die Demokratie. Deutsche Behörden befürchteten, in der aufgeheizten Stimmung könnte es zur Gewalt kommen. Dazu gab es weder Aufrufe oder Präzedenzfälle, noch bewahrheiteten sich die Befürchtungen am Ende.

Möglicherweise lagen die Sorgen in Deutschland auch an einer Fehlinterpretation der Lage in der Türkei. Dort geht die Regierung zwar mit großer Härte gegen Anhänger des Predigers Fethullah Gülen vor, den Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht. Doch bei allen berechtigten Sorgen um die Menschenrechte in der Türkei: Vergleiche aus Deutschland mit der Lage in Nordkorea zielen an der Realität vorbei.

Zwar versammeln sich immer noch allabendlich Tausende Anhänger Erdogans auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Dabei handelt es sich aber nicht um marodierende Horden, die zur Jagd auf Andersdenkende blasen. Die langen Schlangen am Stand, wo umsonst Hot Dogs verteilt werden, deuten auf die wahre Motivation vieler hin. Hilfreich ist auch, dass öffentliche Verkehrsmittel in Istanbul seit dem Putsch kostenlos sind.

Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmus wirft Deutschland Doppelmoral vor. Deutsche Behörden beschwerten sich „bei jeder Gelegenheit“ darüber, dass die Demokratie in der Türkei eingeschränkt werde, in Köln behinderten sie jedoch die Meinungsfreiheit, sagte er. Und Erdogan-Sprecher Ibrahim Kalin verwies darauf, dass deutsche Behörden mit Demonstrationen von PKK-Sympathisanten nicht so kritisch umspringen.

Anders als Erdogans demokratisch gewählte AKP steht die PKK in Deutschland auf der Liste terroristischer Organisationen. Das änderte nichts daran, dass sich vor knapp fünf Jahren ebenfalls in Köln Zehntausende Menschen zu einem kurdischen Kulturfestival versammeln konnten. Sprechen konnte damals PKK-Kommandeur Murat Karayilan. Was Erdogan nun versagt wurde, war damals möglich: Karayilan wurde live zugeschaltet – auf eine Videoleinwand.