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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Die dunklen Schatten des „Duce“

17.11.2008

BOZEN Die Stimmung in Südtirol ist geladen. Italiens neue Rechte, Alt- wie Neo-Faschisten, provozieren die deutschstämmige Bevölkerung mit martialischen Aufmärschen und demonstrativen Kranzniederlegungen vor den in der Region zahlreichen Denkmälern für den „Duce“ Benito Mussolini. Medien sehen längst in der Landeshauptstadt ein „Zentrum des italienischen Faschismus“. Deutschsprachige Südtiroler rufen zum Widerstand gegen die schwarz-braunen Umtriebe auf. Tausende strömten vor wenigen Tagen zu einer Großkundgebung des Südtiroler Schützenbundes in Bozen. „Wir haben die Nase voll von einem Staat Italien, der faschistische Relikte duldet, und von Politikern, die nichts dagegen unternehmen“, rief Schützen-Landeskommandant Paul Bacher. In Südtirol sollten alle faschistischen Denkmäler entfernt werden, lautet die ultimative Forderung.

Die Verbitterung ist verständlich. Keine Volksgruppe hat mehr unter dem Faschismus und seinem „Führer“ Mussolini gelitten wie die deutsche. Ab 1920 wurde Südtirol gewaltsam „italienisiert“, Deutsche aus dem öffentlichen Leben verbannt und von allen wichtigen Positionen ausgeschlossen, alle Ortsnamen – selbst für Berge, Bäche und Straßen – ins Italienische geändert. In den Schulen herrschte in den 30er-Jahren striktes Deutsch-Verbot. Die Muttersprache musste heimlich gelernt werden in sogenannten „Katakombenschulen“. Zehntausende verließen Südtirol nach dem Mussolini/Hitler-Pakt (1939), der die Unterdrückung noch verschärfte. „Italien hat sich als einziges EU-Land 65 Jahre nach dem Sturz des Regimes von Mussolini noch nie vom Faschismus distanziert und sich für die Verbrechen dieses Regimes bei uns Tirolern entschuldigt“, zürnt Paul Bacher. „Die Denkmäler sind tatsächlich eine Beleidigung für die Deutschen“, sagt die Journalistin Ulrike Stubenruß von der Zeitung „Dolomiten“.

Nahezu an jeder Ecke erinnern bestens erhaltene Mussolini-Denkmäler an die dunkle Zeit. Auf dem größten Platz Bozens reitet noch immer der „Duce“ auf einem riesigen Relief mit der rechten Hand zum Faschistengruß ausgestreckt. Darunter in steinernen Lettern: „Credere, Obbedire, Combattere“ – Glauben, Gehorchen, Kämpfen. Ein beliebter Demonstrationsort für italienische Nationalisten. Wenige Meter weiter höhnt der Schriftzug auf einem „Siegesdenkmal“: „Wir haben denen Sprache, Gesetz und Kultur beigebracht“. „Denen“ – das ist die deutschsprachige Mehrheit.

Rund 400 bis 500 Neofaschisten und Nationalisten begleiteten den Protestmarsch der 138 Südtiroler Schützenkompanien am 8. November – mit üblen Beschimpfungen, wie „Dolomiten“ später entsetzt berichtetet. „Tiroler Bastarde“ gehörte dabei laut Ohrenzeugen noch zu den harmloseren Verbalattacken. Immer wieder „Duce“-Rufe mit zum Faschistengruß erhobenem rechten Arm. Rauchbomben fliegen. Polizisten mit Helm und Schlagstöcken sichern die Schützen, die demonstrativ auf Säbel und Gewehre verzichtet haben. Aus deren Reihen tönt in Richtung Neo-Faschisten: „Aus der Geschichte wieder nichts gelernt.“

Die Berlusconi-Regierung in Rom schweigt. Der Verteidingungsminister lässt sogar einen Kranz an einem faschistischen Denkmal niederlegen. Bozens Bürgermeister Luigi Spagnoli sieht keinen Grund zum Einschreiten. Aber bis zum Sommer soll immerhin ein Vorschlag zum Umgang mit faschistischen Bauten vorliegen. Nur Landeshauptmann (Ministerpräsident) Luis Durnwalder „versteht den Marsch der Schützen“.

Ob die Wut vieler Südtiroler damit zu dämpfen ist? Noch fordert nur eine Minderheit eine Volksbefragung im Jahr 2009. Man will Faschisten und Mussolini-Vergangenheit politisch den Rücken kehren – in einem „vereinten Tirol“. Bozens Bürgermeister, der keine Probleme hat, sich vor dem Mussolini-Denkmal in Positur zu werfen, ahnt mittlerweile, dass die Lage „entschärft werden“ müsse.

Für Südtirols Kulturlandesrätin Sabina Kasslatter-Mur steht fest: „So etwas wie das Siegesdenkmal muss sofort weg.“ Und wenn nicht? Für Schützen-Geschäftsführer Elmar Thaler keine Frage: „Dann werden wir jedes Jahr einen Protestmarsch veranstalten.“

Gunars Reichenbachs
Chefkorrespondent
Redaktion Hannover
Tel:
0511/1612315

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