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Diesen Steinbrück lieben die Genossen

Gunars Reichenbachs Zurzeit Hannover

Hannover/Oldenburg - Demütig verbeugt sich Steinbrück. Unten jubeln die Genossen. Ein regelrechter Beifallssturm. Das Wahlergebnis zur Kanzlerkandidatenkür braucht’s eigentlich nicht mehr: Diese SPD will ihren „Peer“. Steinbrück hat soeben die 600 Delegierten des SPD-Sonderparteitags mit einer fulminanten Rede buchstäblich von den Sitzen gerissen. Er umarmt Helmut Schmidt, der in der ersten Reihe mit riesigen Kopfhörern im Rollstuhl sitzt. Ein anrührendes Bild. Alt-Kanzler und Nachfolger? Die SPD-Altvorderen wie Gerhard Schröder, Franz Müntefering, Erhard Eppler und Egon Bahr applaudieren. Sie alle sind zu Steinbrück gekommen.

Oldenburger Geschichte

Immer wieder kokettiert der gebürtige Hamburger mit seiner Oldenburger Vergangenheit. „1969 bin ich dort in die SPD-Niedersachsen eingetreten“, erzählt der 64-Jährige („wegen Willy Brandt“) gern. Als Schröder 1998 Kanzlerkandidat wurde, erschienen ganzseitige Anzeigen „Ein Niedersachse muss Kanzler werden“. Diesmal: „Ein Oldenburger“? Steinbrück lächelt.

Petrus kann an diesem Tag kein SPD-Sympathisant sein. Es schneit gewaltig. Züge fallen aus oder werden umgeleitet. Hannover steckt unter einer Schneedecke. „Ich wusste gar nicht, dass dies ein Wintersportort ist“, flachst SPD-Vize Hannelore Kraft. Mit halbstündiger Verspätung und 4000 Gästen geht es los. Einer der größten Parteitage der SPD-Geschichte.

Die ganze SPD-Spitze marschiert ein. Seit’ an Seit’ – soweit es der Platz zulässt. Die Stimmung ist bestens, allen Schneeflocken zum Trotz. SPD-Chef Sigmar Gabriel übt sich in der Rolle des Aufwärmers angesichts winterlicher Temperaturen draußen. Kampf gegen Armut, für gute Löhne, gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz – Gabriel bedient die ganze Klaviatur sozialdemokratischer Grundwerte gegen die schwarz-gelbe „Chaos-Koalition“. Oder wie Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier später sagen wird: „Eine Kampfansage an die Regierung.“.

Protest von Greenpeace

Am Vorabend noch scherzte Steinbrück über Kubas Fidel Castro, der mal 180 Minuten am Stück ohne Manuskript redete. Steinbrück, der in den vergangenen Wochen abgenommen hat, schafft 105 Minuten – und lässt trotzdem fast ein Drittel des Aufgeschriebenen aus, an dem er vier Tage arbeitete. Die Stimme klingt etwas belegt, angespannt. Er beginnt leise mit einem langen Gang durch die SPD-Geschichte.

Plötzlich flattert ein Banner von der roten Saal-Dekoration: „Genug Kohle geschaufelt – Greenpeace“. Der Parteitag buht, der Demonstrant wird abgeführt – und verpasst den ersten Riesenbeifall, als Steinbrück den großen Otto Wels zitiert: „Freiheit und Leben kann man mir nehmen, die Ehre nicht“. Steinbrück setzt angesichts solcher Sozialdemokraten in der Geschichte hinzu: „Ich bin stolz, ein deutscher Sozialdemokrat zu sein.“ Seine Stimme wird fester. Jetzt kommt der Redner ins Rollen, immer wieder getragen von großem Beifall.

Hart geht der frühere Bundesfinanzminister mit der Regierung von Angela Merkel ins Gericht. Die Union sei zu einer „bloßen Machtmaschine geworden“, sagt der SPD-Politiker, der die wachsende Kluft in Deutschland beklagt.

Regierungsprogramm

Fast im Stil einer Regierungserklärung entfaltet Steinbrück („Ich als Kanzler werde...“) sein Regierungsprogramm mit viel sozialdemokratischem Herzblut: „Deutschland braucht wieder mehr Wir und weniger Ich.“ Gesetzlicher Mindestlohn, Frauenquote, höhere Steuern für Spitzenverdiener, kein Zwei-Klassensystem im Gesundheitswesen, Ausbau von Kitas statt Betreuungsgeld, soziale Gerechtigkeit, Ja zu Europa, kein Pardon mit Steuersündern.

Da kommt Stimmung auf. Mehr noch, als Steinbrück ein klares Bekenntnis zu Rot/Grün ablegt. Er wolle einen „ganzen Regierungswechsel“ und keinen halben. „Ich stehe für eine Große Koalition nicht zur Verfügung“, ruft Steinbrück. Der Dank: 11 Minuten Beifall, 93,45 Prozent Zustimmung. Im Saal verteilen die konservativen „Seeheimer“ Buttons mit Steinbrück-Porträt und dem Schriftzug SPD. Die Partei ist eins mit ihrem Kandidaten.

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