Providence - Gedenksteine und Denkmäler stehen oft unbemerkt in der Landschaft herum. Nun erhalten historische Stätten unverhofft neue Aufmerksamkeit: durch die Fans des Smartphone-Spiels „Pokémon Go“.
Auf der Jagd nach fiktiven Kreaturen stolpern die Spieler in der realen Welt über Gedenktafeln, Statuen, Denkmäler und Wahrzeichen – von einem Schlachtfeld aus dem Bürgerkrieg im US-Staat Chancellorsville bis hin zu einem Clubhaus der Hells Angels auf der neuseeländischen Nordinsel. Manche von ihnen halten sich an diesen sogenannten Pokéstops nicht länger auf als für das Spiel notwendig. Doch bei anderen schärft das GPS-gestützte Spiel mit seiner erweiterten Realität das Bewusstsein für die Geschichte und Geografie ihrer Umgebung.
„Früher bin ich nur von Punkt A zu Punkt B gegangen, aber jetzt lerne ich etwas“, sagt Jaiden Cruz. Der 15-Jährige stieß bei einer Pokémon-Tour im Zentrum von Providence im US-Staat Rhode Island auf eine Gedenktafel, die an eine Rede des damaligen Präsidenten Abraham Lincoln im Jahr 1860 erinnert. An dem Standort eines ehemaligen Eisenbahndepots befindet sich heute ein Pokéstop. In der 380 Jahre alten Stadt wimmelt es nur so von ihnen. Die 59-jährige Cheryl DiMarzio sagt, durch das Hype-Spiel lerne sie etwas Neues über ihre Umgebung: „andere Wahrzeichen, Denkmäler und historische Orte“.
Die Geschichte, wie die Gedenkstätten zum Kern des im Juli gestarteten Spiels wurden, reicht rund fünf Jahre zurück. Damals unterzeichnete Internetgigant Google eine Lizenzvereinbarung zur Nutzung der Datenbank „The Historical Marker Database“. Die von Freiwilligen betriebene Webseite hat die Koordinaten von mehr als 80 000 Sehenswürdigkeiten weltweit erfasst, die meisten davon in den USA.
Heute gehen viele der Pokéstops und Arenen, in denen Kämpfe ausgetragen werden, auf die Datenbank aus Virginia zurück, erzählt deren Gründer J. J. Prats: „Hoffentlich werden die Leute ihren Blick von ihrem Telefon losreißen und die Informationen zu den Gedenkorten lesen.“
Das Spiel begeistert auch Pädagogen. Der Mittelstufenlehrer Anthony Golding aus Tupelo in Mississippi will „Pokémon Go“ im kommenden Schuljahr in seinen Unterricht einbauen. Beherrscht werden die Pokéstops in Tupelo von Elvis Presley: Sein Geburtshaus in der Main Street ist zum Beispiel einer. Und dort trifft Lehrer Golding oft auf Schüler: „Im Moment geht es ihnen vermutlich mehr um das Spiel. Aber wenn der Reiz des Neuen nachlässt, können wir uns über die historische Bedeutung hinter diesen Pokéstops unterhalten.“
