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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Eichmann: Unerkannt im Heidedorf

23.07.2010

ALTENSALZKOTH Er war ihr Arbeitskollege, ihr Untermieter, ihr Hochzeitsgast. Die Menschen in Altensalzkoth fielen 1960 aus allen Wolken, als Kripobeamte in ihrem kleinen Ort in der Lüneburger Heide erschienen. Die Dorfbewohner erfuhren von ihnen, wer sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vier Jahre in ihrer Mitte aufgehalten hatte: Adolf Eichmann.

Die Nachricht von seiner Festnahme durch den israelischen Geheimdienst in Argentinien nahmen sie mit Ungläubigkeit, mit Erschrecken auf. „Alle waren entrüstet, wir wussten doch nichts“, sagte Ruth Tramer (inzwischen gestorben) einmal im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie hatte den Nazi-Kriegsverbrecher am 12. September 1947 zu ihrer Hochzeit eingeladen. „Wir haben alle mit ihm getanzt.“ Die Fassungslosigkeit sieht man den Zeitzeugen noch so viele Jahre später an. „Er war stets zuvorkommend und höflich.“

Falsche Namen

Tramer kannte Eichmann damals als Otto Henninger, das war einer seiner falschen Namen. So hatte sich einer der wichtigsten Helfer Adolf Hitlers am 30. März 1946 im Gemeindebüro Eversen angemeldet und allen vorgestellt. Sich einen neuen Namen zuzulegen, war in der Nachkriegszeit nicht allzu schwierig. Eichmann hatte, wie tausend andere, keine gültigen Personalpapiere.

Bei der Hochzeitsfeier im Dorfgasthof Helms ließ sich Eichmann – entgegen seiner sonstigen Gewohnheit – sogar fotografieren. Die Braut von damals beschrieb ihn später als „zurückhaltend, unauffällig und fotoscheu“. Ihr Hochzeitsfoto sah sie danach mit anderen Augen: „Eichmann richtete sein Gesicht häufig nach unten, auch auf unserem Hochzeitsbild.“ Das Ehepaar Tramer feierte im Dorfgasthof mit der Familie und Holz- und Waldarbeitern, für die die Braut als Rotekreuzschwester kochte. Ihre Gäste waren überwiegend ehemalige Soldaten und Flüchtlinge aus dem Osten. Die Männer wohnten in einer Holzbaracke. „Mein Mann Eduard schlief zusammen mit Eichmann in einem Zimmer“, berichtete Ruth Tramer.

Zweieinhalb Jahre vor der Dorfhochzeit war Eichmann noch mit der „Endlösung der Judenfrage“ beschäftigt. Im Mai 1945 schnappten ihn die Amerikaner in Ulm. Im folgenden Winter floh er mit einem Mitgefangenen aus dem Lager Oberdachstetten in Bayern. Er schlug sich in die dünn besiedelte Lüneburger Heide durch. Im Gepäck hatte er die von einem Mithäftling zugesteckte Adresse eines Revierförsters aus Kohlenbach (bei Altensalzkoth). Sein insgesamt 14-jähriges Untergrundleben begann.

„Hilfsbereiter Kollege“

Eichmann und die anderen Arbeiter sammelten Brennholz für Lokomotiven. Der gesuchte Eichmann erwies sich dabei als „sehr hilfsbereiter Kollege, als Streitschlichter mit großem Gerechtigkeitssinn“, erinnerte sich Tramer. „Wir kamen sehr gut mit ihm aus, aber richtig angefreundet hat sich keiner mit Eichmann.“ Damals sah sie in ihm einen Mann, der „Autorität ausstrahlte“ und dessen „Wort in der Gruppe etwas galt“. Und auch seine Musik gefiel Ruth Tramer.

Nach Feierabend spielte Eichmann vor der Baracke Geige – „klassische Violinstücke von Schubert und Beethoven“. Am Skatspiel seiner Arbeitskameraden beteiligte er sich nur selten. „Eichmann drängte sich“, so Tramer, „nie in den Vordergrund, er war ein Einzelgänger und der Friedlichste von allen.“

In den Kriegsjahren hatte Eichmann sein anderes Gesicht gezeigt. Der Schreibtischtäter – sein „Mordwerkzeug“ war ein Federhalter – organisierte die Judenvernichtung. Mit bürokratischer Pedanterie und bedingungslosem Führer-Gehorsam schickte er ab 1941 Millionen von Juden in den Tod.

In Altensalzkoth präsentierte sich Eichmann als „feiner Kumpel mit tadellosem Benehmen“, so die Beobachtungen der damals zwölfjährigen Marie Helms. Ihre Eltern waren die Gastgeber der Tramer-Hochzeit. „Er hat uns immer geholfen, Heu abzuladen, und in unserem Gasthof hat er oft Kunstbrause getrunken, so ein rotes Zeug vom Fass. Alkohol hat er nie angerührt.“

Als die Holzfirma Burmann 1948 Konkurs anmeldete, verloren die Holzfäller ihren Job. Alle meldeten sich arbeitslos, nur Eichmann nicht. Er wollte keinen Kontakt mit den Behörden und verzichtete auf Unterstützung. „Mir hat imponiert, dass er nicht stempeln ging und sich etwas aufbauen wollte“, berichtet Marie Helms, die noch immer neben dem Gasthof wohnt, wo Eichmann als Hochzeitsgast tanzte.

Jüdische Kunden

Der Kriegsverbrecher mietete sich einen Kilometer weiter bei Familie Lindhorst ein und zimmerte hinter dem Hof auf einer angrenzenden Wiese einen Stall für rund tausend Hühner. „Er baute alles selbst, er war ein geschickter Mann. Seine Tiere hatten es gut. Tagsüber liefen die Hühner auf einem großen Areal umher. Im Wald sammelte er oft Preiselbeeren für seine Hühner. Schwache Küken kamen unter die Wärmeglucke“, berichtet Otto Lindhorst, damals 16 Jahre alt.

Um Eier und manchmal auch Schlachttiere zu verkaufen, radelte Eichmann oft in die Nachbargemeinde Sülze zur „Eieremma“. Auch heimatlose Polen und Juden waren seine Kunden. Mit dem Fahrrad fuhr er die zwölf Kilometer zu ihren Notunterkünften am ehemaligen Konzentrationslager in Bergen-Belsen. Die Menschen ahnten nicht, wer ihnen da Lebensmittel verkaufte. Wie auch?

Bei den Lindhorsts wohnte er in einem 18-Quadratmeter-Zimmer mit Klo auf dem Hof. Seine Wirtin Anna Lindhorst hatte keinen Grund zur Klage. „Die zehn Mark Miete im Monat“, berichtet ihr Sohn Otto, „hat Eichmann pünktlich gezahlt. Ungewöhnlich war nur, dass er jeden Morgen um sieben Uhr die Nachrichten hörte. Er hatte das einzige Radio im ganzen Ort.“

Prozess im Radio verfolgt

Der Kriegsverbrecher verfolgte den Kriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg, bei dem immer häufiger auch sein Name fiel. Auf den Fahndungslisten der Alliierten stand er ganz oben. Jüdische Partisanengruppen jagten ihn. Eichmann muss gefürchtet haben, dass er in Deutschland bald erkannt werden könnte.

Anfang des Jahres 1950 hatte Eichmann genug Geld verdient, um die vermeintliche Gefahrenzone zu verlassen. Er nahm Kontakt mit dem Nazi-Untergrund auf, um eine weitere Fluchtetappe zu planen. „Meiner Mutter sagte er, dass er nach Norwegen und dort in seinem Fach als Maschinenbauer arbeiten wolle“, berichtet Otto Lindhorst. Wenige Tage später war Eichmann verschwunden, in Richtung Italien und dann mit dem Schiff nach Argentinien.

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