• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Deals
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • Veranstaltungskalender
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
  • Über uns
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Ein „Spiegel“-Bild der Bundesrepublik

06.01.2007

HAMBURG HAMBURG - Von Helmut Kohl hieß es, er lese den Spiegel nicht. Da war er noch Bundeskanzler und CDU-Parteichef. So stark war die Abneigung des Pfälzers gegenüber dem Hamburger Nachrichtenmagazin. Allerdings darf man davon ausgehen, dass Deutschlands dienstältester Kanzler sehr wohl wusste, was das von vielen Politikern gefürchtete Magazin in seiner jeweiligen Montagausgabe berichtete.

Aber eines war das Magazin, das gerade auf seine 60-jährige zumeist höchst erfolgreiche Geschichte zurückblickt, nicht: Es war nicht die „linke Kampfpresse“, wie der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident und spätere Finanzminister unter Kohl, Gerhard Stoltenberg, gen Hamburg giftete. Vielmehr war Politik des Hauses, wie es der Gründer und Herausgeber Rudolf Augstein formulierte: „Ohne Rücksicht auf Verluste aufklären“.

Schon die Anfänge waren stürmisch. 1946 wurde das Magazin unter dem Titel „Diese Woche“ von der britischen Militärregierung in Hannover gegründet. Doch schnell missfiel den Briten der kritische bis aggressive Ton der deutschen Blattmacher, die sich nicht scheuten, gegen die Besatzer aufmüpfige Artikel zu schreiben. Und nach gerade mal fünf Ausgaben übertrugen sie dem 23-jährigen Rudolf Augstein die Lizenz. Augstein war aus dem Krieg in seine Heimatstadt Hannover zurückgekehrt und auf den britischen Presseoffizier John Seymour Chaloner gestoßen, der den Auftrag hatte, zur Entnazifizierung und Umerziehung der Deutschen demokratische Zeitungen zu gründen.

Am 4. Januar 1947 erschien das Blatt dann unter dem Namen Der Spiegel. Seit 1952 kommt das Magazin aus Hamburg.

60 Jahre Spiegel, das ist auch eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, wenn man so will, ein Spiegelbild der Bonner Republik. Der Spiegel bestimmte nicht selten die Tonlage, aber auch die Nachrichten. Er deckte auf, was aufzudecken war. Mit scharfer Schreibe, gewürzt mit Ironie und Häme, oft wider den Stachel löckend. Das mag damit zusammenhängen, dass Augstein geprägt war durch den Obrigkeitsstaat und die Nazizeit, dass ihm Ja-Sager und Bücklinge zuwider waren und alle die, die Verantwortung hatten für das, was sich zwischen 1933 und 1945 ereignet hatte.

Der Spiegel stand und steht noch heute, wenngleich nicht mehr mit der früheren Intensität, für investigativen Journalismus. Wenn es sein musste, recherchierten 20 Spiegel-Journalisten an einer Geschichte. Und nicht selten brachten sie ans Licht, was die Republik, aber vor allem die Herrschenden in Politik und Wirtschaft und Gesellschaft erzittern ließ. Das Blatt machte mit einer Reihe von aufgedeckten Polit-Skandalen von sich reden. Dazu zählten die Machenschaften beim gewerkschaftseigenen Baukonzern Neue Heimat, die Flick-Spenden-Affäre und die Barschel-Pfeiffer-Affäre, in deren Folge der SPD-Politiker Björn Engholm Ministerpräsident von Schleswig-Holstein wurde. In diesen Jahren wurde der Spiegel „zum Sturmgeschütz der Demokratie“ (Augstein).

Der Spiegel wollte machen, verändern, gestalten, bewegen. Und der Spiegel hatte immer und er hat weiterhin Einfluss auf mancherlei Geschehnisse im Land. Man schreibt die Politiker hoch und wieder nieder, wenn es sein muss, bis sie stürzen. Gerhard Schröder war ein beliebter Gesprächspartner des Spiegel, was das Blatt nicht hinderte, später seinen Niedergang Woche für Woche zu zelebrieren. Angela Merkel, seiner Nachfolgerin, ergeht es nicht anders.

Jahrzehnte war der Spiegel unangefochten die Nummer eins auf dem Magazinmarkt. Doch als „Focus“ erschien, waren die Hamburger zumindest für eine Zeit irritiert. Das Blatt veränderte sich und sein Aussehen ein Stück. Man nahm die Kampfansage aus München an und den Wettlauf auf. Es stimmt zwar inhaltlich, was Augstein damals sagte: „Focus ist ein Ding für sich“. Aber man darf tunlichst den zweiten Teil seiner Aussagen anzweifeln: „Davon können wir nichts lernen“.

Die Auflage des Spiegel liegt zur Zeit bei über einer Million, die Reichweite bei 6,04 Millionen Lesern. Der Spiegel, so Experten, habe die Herausforderungen der neuen Medien sehr gut bewältigt. Dennoch herrscht in Hamburg nicht eitel Sonnenschein. Augsteins Tochter Franziska, selbst Journalistin, bringt auf den Punkt, was Spiegel-Kritiker seit Jahren bemängeln: Der Spiegel habe unter Chefredakteur Aust seine Bedeutung als Leitmedium verloren. Es sei heute ein „geschwätziges Blatt unter anderen“.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.