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Bundeswehr „Eine faszinierende Aufgabe“

Gunars Reichenbachs Büro Berlin

Jever/Strausberg/Berlin - Flach wie in Friesland ist es schon. Sonst erinnert noch vieles an die untergegangene DDR in dem Garnisonsstädtchen Strausberg, schon seit dem 17. Jahrhundert Heimat für diverse Kriegsleute, Landser und Soldaten. Die Kaserne ist Dienstsitz von Bruno Kasdorf (60), Inspekteur des Heeres seit dem 11. September dieses Jahres. „Eine faszinierende Aufgabe“, schwärmt der Jeveraner im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Aufgabe ein Traum, dieser Ort in Märkisch-Oderland auch? Kasdorf lächelt und formuliert pragmatisch-diplomatisch: „Strausberg liegt nahe am politischen Zentrum Berlin.“

Näher als Koblenz und Bonn jedenfalls. Von dort muss die Heeresführung im Zuge der Bundeswehrreform ins brandenburgische Strausberg umziehen. „30 Leute und ich sind schon da“, sagt Kasdorf. 600 Mitarbeiter sollen noch folgen. Wenn die Amtszeit des Heeresinspekteurs endet – voraussichtlich im Juli 2015 – ist der gewaltige Umzug Historie.

Kasdorf residiert in einem wunderschönen holzgetäfelten Zimmer. „Ein Tanzsaal“, meint jemand. Aber eher bescheiden im Vergleich zu Repräsentationsräumen in der Wirtschaft. Der Jeveraner managt schließlich ein Unternehmen mit bis zu 100 000 Mitarbeitern.

In Schortens geboren, hängt Kasdorfs Herz bis heute an der Heimat. Nicht nur wegen seiner Ehefrau Sigrid, die ebenfalls aus der Region stammt. „Seit 2005 besitzen wir ein Haus in Jever – auch mit Blick auf den Ruhestand“, erzählt der 60-Jährige: „Diese Gegend ist mir einfach besonders vertraut, daran hängen viele Erinnerungen.“ Sind die heimatlichen Wurzeln so stark?

In Deutschland daheim

Kasdorf zögert ein wenig. „Auch Deutschland ist Heimat, überall fühlten wir uns wohl“, betont der General, der auf ein typisches Soldatenleben zurückblickt: Hamburg, Varel, Amberg, Ulm, Leavenworth (USA), Bonn, Schwanewede, Bonn, Potsdam, Carlisle (USA), Bonn, Amberg, Koblenz, Neubrandenburg, Kabul (Afghanistan), Koblenz, erneut Kabul und jetzt Strausberg. Ständig Umzüge. Die Ehefrau und die vier Kinder, wissen, was das heißt. „Vielleicht an ein bis zwei Wochenenden im Monat“ schafft es Kasdorf nach Jever im Dauerpendeln zwischen den Standorten, Ministerium, NATO-Partnern und Brüssler Hauptquartier oder Afghanistan , wo er kürzlich fast eine Woche lang die Truppe besuchte. Beklagen mag sich Kasdorf nicht. „Ich bin Soldat geworden, weil ich diese Herausforderung gesucht habe.“

Und gefährlich? Der Rückzug aus Afghanistan steht bevor. „Vor allem ein logistisches Problem“, betont der Heeresinspekteur: „Es stellt eine Herausforderung dar, koordiniert mit 40 Nationen vorzugehen, während Wege nur begrenzt zur Verfügung stehen.“

Ein drohendes Sicherheitsvakuum sieht Kasdorf nicht. „Heute liegt die Sicherheitsverantwortung über 75 Prozent des Territoriums bereits in afghanischen Händen. Im Norden, dem Einsatzgebiet der Bundeswehr, ist es noch mehr. Die Sicherheitslage dort ist schon weit fortgeschritten. Man kann sich frei bewegen. Aber natürlich kann es noch einzelne Anschläge geben.“ Die Bundeswehr werde in Zukunft „in unterstützender, beratender und ausbildender Funktion im Land bleiben“.

Dass die aufständischen Taliban die Macht übernehmen könnten, glaubt Kasdorf nicht. Aber: „Die Aufständischen zielen immer mehr auf die eigenen Leute statt auf die ausländischen Truppen. Sie wollen die Regierung und die Spitzen der afghanischen Sicherheitskräfte treffen. Das Ziel ist die Destabilisierung des Landes.“

Ganz vorsichtig formuliert Kasdorf mit Blick auf die langfristigen Aussichten in Afghanistan: „Abwarten, wie die Regierung den Übergang bewältigt. Ab 2015 brauchen wir ein neues UN-Mandat des Sicherheitsrates. Ich wünsche mir, dass wieder die NATO beauftragt würde. Der Umfang des Mandats ist heute noch nicht klar. Die Verhandlungen laufen derzeit international.“

Immerhin sieht der einstige Stabschef der Internationalen Friedenstruppe ISAF auch positive Ansätze. „Der Aufbau der Armee ist gut gelungen, sie ist gut durchmischt mit den verschiedenen Stämmen. Viele Soldaten verstehen sich als Afghanen, nicht so sehr als Stammesmitglieder – beispielsweise als Paschtunen oder Usbeken.“

Das Problem desertierender Soldaten in der 195 000-Mann-Armee lässt sich aber nicht leugnen. „Man kann in Afghanistan Einstellungen beobachten, die für uns fremd sind. Wenn die Ernte ansteht, helfen einige Soldaten zu Hause aus und kommen danach zurück zum Dienst, ohne Urlaub zu beantragen.“

Sorgen der Soldaten

Da wirken Probleme deutscher Soldaten in Afghanistan weniger gravierend. „Klagen höre ich besonders über das teure Internet und die schlechten Verbindungen“, bestätigt der Heeres-Inspekteur: „Ansonsten tun sie ihren Dienst und sehen, dass es erfolgreich ist. Ich registriere eine große Zufriedenheit – auch mit der Einsatzvorbereitung in Deutschland.“

Aber auch das gehört zur Wirklichkeit 2012: „Viele Soldaten fragen sich natürlich, wie geht es weiter? Was wird mit mir, wenn mein Dienst endet?“, schildert Kasdorf die Stimmungslage bei seinem letzten Afghanistan-Besuch. „Viele wollen länger bleiben“, nimmt der Inspekteur als Eindruck mit: „Die Bundeswehr ist attraktiv!“ Welcher Inspekteur hört das nicht gern?

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