Berlin - Selbstbezogen, desinteressiert und pragmatisch – das war das Bild, das Shell-Studien in der Vergangenheit von Deutschlands Jugendlichen zeichneten. „Ego-Taktiker“ seien sie, nur an Spaß und persönlichem Erfolg interessiert. Doch das Bild hat sich gewandelt. „Die junge Generation befindet sich im Aufbruch“, fasst Mathias Albert von der Universität Bielefeld die Ergebnisse der aktuellen Studie zusammen, die am Denstag in Berlin vorgestellt wurde.
Die Forscher charakterisieren die Jugend von heute als engagiert, interessiert, zuversichtlich, wertebewusst und zunehmend politisiert. Die neue Shell-Studie zeichnet ein umfassendes Bild der ersten Generation, die komplett im vereinten Deutschland und im Internet-Zeitalter aufgewachsen ist.
Familie wichtig
61 Prozent der befragten Zwölf- bis 25-Jährigen sehen laut der Studie ihre Zukunft positiv. 2010 waren es noch 59 Prozent der Jugendlichen. Allerdings teilten Befragte aus der sozial schwächsten Schicht die steigende Zuversicht nicht: Wie schon 2010 äußert sich nur ein Drittel von ihnen optimistisch zur eigenen Zukunft. In anderen Kreisen hingegen sind dies drei Viertel der Befragten.
Hoch im Kurs steht zwar bei Jugendlichen die Familie. Zugleich können sich aber immer mehr Jugendliche auch vorstellen, alleine zu leben. Während 2010 noch 76 Prozent der Meinung waren, Familie sei notwendig, um glücklich zu sein, sind es in der aktuellen Studie lediglich 63 Prozent.
Ein Grund mag dabei sein, dass die Jugendlichen bei ihren Eltern sehen, wie schwierig es für die meisten ist, Familie und Beruf zu vereinbaren. Wichtig ist für die Befragten deshalb, dass sie sich zwar erfüllende Tätigkeiten wünschen, diese sollten aber auch zugleich so flexibel sein, dass dabei die Familie nicht zu kurz kommt.
Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) kann sich mit ihrem Vorhaben einer Familienarbeitszeit bestätigt fühlen, die es Eltern erlauben soll, weniger zu arbeiten, solange ihre Kinder klein sind: Bei den befragten Jugendlichen möchten drei Viertel in Teilzeit arbeiten können, sobald sie Kinder haben.
Religionen auf Rückzug
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Bei Jugendlichen ist die Angst vor Fremdenfeindlichkeit stärker als die Angst vor Zuwanderung. So fürchten sich 29 Prozent der Befragten vor mehr Zuwanderern, aber 48 Prozent haben hingegen Angst vor Ausländerfeindlichkeit. „Nicht die Flüchtlinge sind die Bedrohung, sondern die, die gegen die Flüchtlinge hetzen und Fremdenfeindlichkeit schüren“, sagte Schwesig.
Obwohl der Trend zur Rückbesinnung auf traditionelle Werte wie Familie und Freundschaft, aber auch Fleiß und Ehrgeiz anhält, verlieren Religionen an Bedeutung: 33 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie wichtig ist, an Gott zu glauben (2010: 36 Prozent). Für katholische Jugendliche spielt bei 39 Prozent der Glaube an Gott eine bedeutende Rolle (2010: 43 Prozent), bei den Protestanten sind es 32 Prozent (2010: 39 Prozent), bei Vertretern anderer Religionen liegt der Wert bei 70 Prozent (2010: 72 Prozent).
Für Mathias Albert, Bielefelder Soziologe und einer der Autoren der Shell-Studie, steht fest: Die Generation ist im Aufbruch. Die Jugendlichen seien pragmatischer geworden und „hochgradig tolerant“. Sie wollten sich für eine gute Zukunft engagieren, sie interessierten sich stärker für gesellschaftlich-politische Themen, hingen an ihrer Familie, schätzten aber auch das Single-Dasein.
Was im Vergleich zu früheren Studien bleibt, ist die Kluft zwischen Arm und Reich. Nach wie vor schätzen 10 bis 15 Prozent der Befragten die Chancen für die Zukunft als eher schlecht ein.
