Bad Fallingbostel - Nathalie Leno trägt ihre kleine Tochter behutsam auf dem Arm durch die riesige Veranstaltungshalle. Das 15 Monate alte Mädchen bekommt Zähne und hat Fieber. Die Mutter hat die ganze Nacht nicht geschlafen, sie hofft, dass die Sperrung der Stadt nach dem Chemieunfall im Kraft-Lebensmittelwerk bald aufgehoben wird. „Da ist man erstmal ein bisschen baff“, sagt Nathalie Leno zu der Situation in der Heidmarkhalle, in der sie mit etwa 300 Menschen auf Entwarnung wartet.

Feldbetten, Sanitätsstation, Getränke- und Essenausgabe – freiwillige Helfer von Feuerwehr und Rotem Kreuz haben aus der Halle in Windeseile eine Notunterkunft gemacht. Am Mittag erscheint Einsatzleiter Jan Bauer inmitten ballspielender Kinder und kündigt an, dass draußen eine Hüpfburg aufgebaut werde.

Deo und andere Drogerieartikel seien auf dem Weg, auch Wäsche und Bekleidung, schließlich konnten die meisten Menschen kaum etwas mitnehmen. Auch Spenden gebe es. Gerade habe ein Bäckerei eine ganze Ladung Brötchen angeliefert.

Von Windeln für Babys bis Hundenahrung reicht die Palette der Dinge, mit denen die Wartenden versorgt werden. Nur Zahnbürsten sind im Moment nicht mehr zu haben. „Wir haben mehr als 400 Zahnbürsten verteilt“, wundert sich ein junger DRK-Mitarbeiter. Mitten in der Nacht seien sie geweckt worden und hätten sich auf den Weg gemacht, erzählt die DRK-Freiwillige Janina Leuschnert und bereitet die Ausgabe des Mittagessens vor.

Die 71-jährige Irena Dörntge sitzt müde neben ihrem Mann an einem Tisch. „Wir haben nicht geschlafen“, sagt sie. Doch kein Wort der Kritik. Im Gegenteil, die Helfer seien sehr bemüht: Ihr zuckerkranker Mann habe Insulin bekommen, sie seien mit allem versorgt.

Sie wohnen direkt neben der Fabrik. Am Abend habe es Verwirrung wegen der Evakuierung der Stadt gegeben. Erst hätten die Dörntges Durchsagen nicht gehört und seien später auf die Straße gegangen. Dort habe man ihnen gesagt, sie müssten sofort in einen Bus einsteigen. „Wir wussten nicht, worum es eigentlich ging.“

Weil das Radio in der Halle läuft und Landrat Manfred Ostermann (parteilos) zu den Wartenden gesprochen hat, wissen alle, dass Natronlauge und Salpetersäure irrtümlich in einem Tank der Mirácoli-Fabrik zusammengeschüttet worden waren und sich daraus eine giftige Wolke gebildet hatte.

Am Dienstagnachmittag Aufatmen. Die Menschen können nach Stunden in ihre Häuser zurück. In Windeseile bauen Helfer die Notunterkünfte ab. Es blieb bei einer Nacht auf dem Feldbett.