Rom - Papst Benedikt XVI. hat nicht nur seine katholische Kirche überrascht, sondern auch die anderen Religionen und die Politik. Als einer der einflussreichsten Lenker weltweit nimmt sich Joseph Ratzinger nach reiflicher Überlegung die Freiheit, und legt sein Amt auf dem Stuhl Petri nieder. Ein überaus seltener Schritt für einen Papst. Nach Skandalen und in Zeiten der Glaubenskrise braucht die Katholische Kirche nun ein neues Oberhaupt.
Rücktritt länger erwogen
Wer vom Vatikan aus die Weltkirche der weit über eine Milliarde Katholiken leiten wolle, brauche „die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes“. So sagt es Benedikt und will das „Schifflein Petri“ verlassen. Über einen vorzeitigen Abgang hatte der mittlerweile knapp 86-Jährige zwar schon vorher philosophiert. Ein Datum dafür hatte er aber nicht genannt.
Um die Gesundheit des Oberhaupts der katholischen Kirche bangen Millionen Gläubige, die jahrelang auch mitgelitten hatten mit dem so schwer kranken Vorgänger Johannes Paul II. Dessen Leidensweg hatte Ratzinger als Papst-Vertrauter sorgenvoll aus allernächster Nähe mitverfolgt – und nach seiner Wahl auf den Stuhl Petri eigene Schlüsse daraus gezogen.
„Zurücktreten kann man in einer friedlichen Minute, oder wenn man einfach nicht mehr kann“, erklärte er offen in dem Interview-Buch „Licht der Welt“ von 2010. Für den brillanten Theologen aus dem bayerischen Marktl am Inn ist es wichtig, nicht auf dem Höhepunkt einer Krise seiner Kirche einfach abzudanken und einen Nachfolger wählen zu lassen.
Und Krisen hatte es in Benedikts Pontifikat seit Frühjahr 2005 reichlich gegeben. Der Missbrauchsskandal erschütterte die Vatikanmauern, es gab arge Pannen bei dem Versuch, die erzkonservative Pius-Bruderschaft wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurückzubringen. Und im Jahr 2012 brach dann der „Vatileaks“-Skandal um gestohlene Papiere des Papstes aus. Dabei wurden auch interne Macht- und Ränkespiele offengelegt.
Diese Krisen – bei „Vatileaks“ bis zur Verurteilung der Täter – wartete Benedikt ab, obwohl er doch schon die Last des Alters spürte.
Obwohl jetzt keine schwere Krankheit ausschlaggebend für seine Entscheidung war und Ratzinger ein ungebrochen agiler Denker ist – der sich so schnell verändernden Welt fühlte er sich nicht mehr gewachsen. Er nennt dies sein „Unvermögen“, seine Kirche weiter gut durch die schwierigen Zeiten zu steuern. Dabei hatte er sich doch gerade mit neuen Medien vertraut gemacht und seine Botschaften auch ins Internet getwittert.
Seine Rücktrittsbotschaft, die die Welt bewegte, hob sich Ratzinger für ein kleines Konsistorium auf, kaschierte sie zunächst hinter einer wenig bedeutenden Tagesordnung seiner Kardinäle.
In den vergangenen Wochen und Monaten war den Vatikanexperten aufgefallen, dass für das Jahr 2013 keinerlei Reisepläne des Pontifex bekannt wurden. Er war schon in den vergangenen Jahren weniger gereist als der „Eilige Vater“ Johannes Paul II.
Mit Schweigen reagiert
Der erste angekündigte Rücktritt eines Papstes der Neuzeit sorgte im Apostolischen Palast am Montag zunächst für fassungsloses Schweigen seiner wichtigsten Berater. „Niemand hat ihm das nahegelegt oder hat ihn dazu gedrängt“, so sollte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi später an diesem trüb-kühlen Wintertag in Rom erklären: „Eine Entscheidung vor Gott, die Respekt verlangt.“ An dem Konklave zur Wahl eines neuen Papstes nimmt Joseph Ratzinger nicht mehr teil. Und der Vatikan ist sicher, im März den Stuhl Petri neu besetzen zu können, so dass der Nachfolger an Ostern bereits seinen Segen gibt.
Papst Benedikt XVI. will sich in ein früheres Kloster auf dem Gelände des Heiligen Stuhles zurückziehen und seiner Kirche „mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen“. „Er hat mehrfach erklärt, dass er das Alter dem Schreiben und dem Studium widmen will. Und das wird er auch tun, denke ich“, sagt der Vatikan-Sprecher.
