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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Nachruf: Franz Josef Strauß: „Er wird nie Kanzler werden“

17.06.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-06-20T10:35:20Z 280 158

Nachruf:
Franz Josef Strauß: „Er wird nie Kanzler werden“

Ludwigshafen/Berlin Am späten Nachmittag wird die Nachricht bestätigt: Helmut Kohl ist am Freitagmorgen im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen gestorben, nach langer, schwerer Krankheit. Deutschland trauert um den Kanzler der Einheit.

Die „Jahrhundertgestalt der Politik“, wie ihn sein Biograf Heribert Schwan nannte, hinterlässt ein gewaltiges politisches Erbe. 25 Jahre lang war Kohl Bundesvorsitzender der CDU, gestaltete die Wiedervereinigung, legte die Fundamente für den Euro.

„Ich will die Wahl gewinnen und will Kanzler werden“, hatte er einst trotzig gesagt, und die Journalisten schmunzelten. Das war 1976. Sechs Jahre lang musste er sich noch gedulden, bis er sein Ziel endlich erreicht haben sollte. Angekommen in der Zentrale der Macht, wo er länger blieb als jeder andere Kanzler bisher.

16 Jahre regierte Helmut Kohl. Erst 1998 schließlich musste er Gerhard Schröder (SPD) Platz machen – und stürzte seine Partei in eine tiefe Krise. Bis zu seinem Tode schweigt Kohl über die Namen seiner Geldgeber in der CDU-Spendenaffäre. Nach einem Sturz 2008 war er an den Rollstuhl gefesselt, 2015 dramatische Klinikaufenthalte in Heidelberg, schon damals rang er mit dem Tod.

Die „Birne“ von einst, wie ihn der Spiegel auf dem Titel präsentiert hatte, von den einen verehrt, von den anderen gehasst – Kohl polarisierte wie kaum ein anderer. Gesundheitlich schwer angeschlagen, stand der „Kanzler der Einheit“ 2014 zuletzt im Rampenlicht, präsentierte auf der Frankfurter Buchmesse seine Wende-Erinnerungen.

Angela Merkel, Kohls „Mädchen“, ist vor allem seine politische Entdeckung. Er machte sie zur Ministerin. Sie war es, die später mit ihrem offenen Brief in der Spendenaffäre einen Trennungsstrich zwischen der CDU und ihrem früheren Vorsitzenden zog. Die große Mehrheit der Parteispitze hatte längst ihren Frieden mit dem „gestürzten Denkmal“ gemacht. Lieber erinnert man sich in der CDU an den Architekten des europäischen Hauses und den Staatsmann, der entschlossen handelte, als es um die Einheit Deutschlands ging.

„Es ist nicht damit getan, Köpfe auszuwechseln und in der Partei sonst alles beim Alten zu lassen“, warnt das CDU-Mitglied Nummer 00246 am 12. März 1973 die 600 Delegierten des Bundesparteitages. 520 von ihnen wählen den Pfälzer Kohl nach dieser Rede zum neuen Vorsitzenden. Ein Amt, das er erst 26 Jahre später wieder abgeben sollte. Kohl war länger Kanzler als sein politisches Vorbild Konrad Adenauer. An dem mächtigen Oggersheimer sind vier sozialdemokratische Kanzlerkandidaten gescheitert. Kohl kam, saß und blieb.

Mit 33 führt er bereits die CDU-Landtagsfraktion in Mainz. Der damals noch „Junge Wilde“ macht zunächst mit flegelhaften Manieren auf sich aufmerksam und zeigt nur wenig Respekt vor großen Namen. Sechs Jahre später wird der promovierte Historiker Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz.

Anfangs als Provinzler verspottet, sehen die meisten in ihm nur eine Eintagsfliege. „Er wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen“, irrt sein Dauer-Widersacher Franz Josef Strauß 1976. Es ist das Jahr, in dem Kohl als Kanzlerkandidat für die Union in Bonn mit 48,6 Prozent immerhin das zweitbeste Wahlergebnis ihrer Geschichte erreicht. Zur Regierungsmehrheit reicht es allerdings nicht.

Dennoch wechselt er als Oppositionsführer nach Bonn in den Bundestag. Als vier Jahre später auch Strauß der Regierungswechsel nicht gelingt, ist der Weg wieder frei für den Machtmenschen Kohl.

Am 1. Oktober 1982 ist er am Ziel, nimmt nach dem erfolgreichen konstruktiven Misstrauensvotum die Glückwünsche des gescheiterten Vorgängers Helmut Schmidt entgegen, der Kohl lange ignorierte, verspottete und für „keinen besonders begabten Politiker“ hielt. Auch Schmidt gehört in seinen letzten Jahren zu denen, die voll des Lobes über Helmut Kohl waren.

Statt eines großen umfassenden Politik- und Gesellschaftsentwurfs, setzt der Pfälzer auf kleine pragmatische Schritte, wartet häufig durchaus erfolgreich ab, anstatt zu entscheiden. „Seine große Stärke war es, keinen Plan zu haben“, beschrieb Kohl-Biograf Klaus Dreher.

Der Drei-Zentner-Mann, der von den Medien lange bekämpft wurde, hat ein „Händchen“ für Personalentscheidungen. Heiner Geißler, Kurt Biedenkopf, Norbert Blüm, Klaus Töpfer, Wolfgang Schäuble und Merkel gehören zu seinen Entdeckungen.

Der Mann, der bereits als Kind seine Spielkameraden dazu bringt, ihm die Schleppe zu tragen, wenn er mit einem Kaffeewärmer auf dem Kopf und einem Betttuch im Garten umherstolziert, wird vor allem durch einen unbändigen Willen zur Macht angetrieben. „Ein Potentat“, beschreibt Weggefährte Geißler. Der pfälzische Machiavelli duldet niemanden neben sich. Seine Welt teilt er vor allem in Freund und Feind ein.

Nachdem sein damaliger Generalsekretär Geißler auf dem Bremer Parteitag 1989 Kohl durch den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth ersetzen will, vereitelt Kohl den Putsch und trennt sich von seinem Widersacher.

Gerade in dem für ihn wohl entscheidendsten Moment seiner Regierungszeit demonstriert der „Kanzler der Einheit“ Entschlossenheit und trägt entscheidend dazu bei, dass die Chance, die sich aus der friedlichen Revolution 1989 ergibt, auch genutzt wird. In diesen Wochen habe er „einen Zipfel vom Mantel der Geschichte“ ergriffen, erinnerte er sich einmal.

Überwarf er sich mit jemandem, dann meist endgültig. Ob Geißler, Schäuble oder Blüm – die Beziehungen zu den Freunden und Weggefährten von einst waren am Ende seines Lebens zerrüttet. Seine Unerbittlichkeit machte selbst vor seinen eigenen Söhnen nicht Halt, zu denen er den Kontakt abgebrochen hatte. Nach dem Suizid von Hannelore Kohl und der zweiten Heirat Kohls mit Maike Kohl-Richter hatte es auch in der Familie den Bruch gegeben.

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