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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Es wird einsam um Christian Wulff

04.01.2012

BERLIN Gerhard Schröder kann sich nicht genau erinnern, ob der Spruch, er brauche nur „Bild, BamS und Glotze“ für erfolgreiches Regierungshandeln, so von ihm stammt. „Er würde jedenfalls zu mir passen“, sagte der Alt-Kanzler vor einiger Zeit bei einem Empfang der „Bild“-Zeitung in Berlin.

Mit der Boulevardzeitung ist schon mancher Politiker groß rausgekommen. Doch das Blatt kann sich schnell wenden – wie nun zum Beispiel beim umstrittenen Hauskredit von Bundespräsident Christian Wulff.

Das Prinzip Fahrstuhl

Die Boulevardpresse handele oftmals nach dem Fahrstuhl-Prinzip, schreiben Leif Kramp und Stephan Weichert in einer Studie des Netzwerks Recherche zum Berliner Hauptstadtjournalismus. „Will die Politprominenz im Fahrstuhl mit nach ganz oben fahren, muss sie bei Liebesverweigerung auch schon mal damit rechnen, wieder runter gefahren zu werden.“

Schröder und „Bild“ hatten nicht immer eine einfache Beziehung. 2004 warf die „Bild“ Schröder eine Boykottpolitik vor, weil ihre Journalisten nicht in der Regierungsmaschine mit dem Kanzler nach Washington und in die Türkei mitreisen durften. Zudem gab Schröder dem Blatt keine Interviews mehr.

Die „Bild“-Zeitung habe mit einer „Mischung aus Häme, Hetze, garniert mit Halbwahrheiten“ über die Regierungspolitik berichtet, sagte damals Regierungssprecher Bela Anda. Schröder versuchte einige Zeit, ohne „Bild“ auszukommen – und wäre trotz Gegenwinds 2005 fast wiedergewählt worden.

Dass die Zeitung mit einer Auflage von fast drei Millionen Exemplaren Einfluss hat, ist unbestritten, aber auch der ist nicht unbegrenzt. Bis zuletzt begleitete „Bild“ Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eng, der letztlich über seine Plagiatsaffäre stolperte. „Bild“ verbreitete als erstes im März 2011, dass Guttenberg zurücktritt.

Auch Wulff pflegte als niedersächsischer Ministerpräsident – und davor als Oppositionsführer – einen engen Kontakt zur „Bild“. Dort war Wulff „Deutschlands beliebtester Politiker“. Christian und Bettina Wulff versorgten seitdem „Bild“ und „Bunte“ regelmäßig mit Klatsch und Infos aus dem Familienleben. Bis zum 12. Dezember 2011, als Wulff auf die Mailbox von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann sprach, um eine geplante Veröffentlichung am nächsten Tag zu verhindern.

Die „Bild“-Zeitung selbst betont ihre Unabhängigkeit. Sowohl der Anruf als auch die Entschuldigung Wulffs hätten keine Auswirkungen „auf die weiteren Recherchen in allen offenen Fragen“. Es gehört zum Alltag des Berliner Politikbetriebs, dass Sprecher der Regierung und der Parteien Journalisten „Argumentationshilfen“ liefern und sanften Druck ausüben. Die wichtigsten Informationen werden oft in Hintergrundgesprächen statt auf Pressekonferenzen vermittelt. Oft werden Exklusivinfos gezielt verteilt, um gut weg zu kommen. Dass aber der Inhaber des höchsten Staatsamtes mehrfach selbst zum Hörer greift, um bei Chefredakteuren mit harschen Worten Veröffentlichungen zu unterbinden, ist ungewöhnlich.

Abkühlung überraschend

Wulff soll zudem vor Monaten einen Journalisten der „Welt am Sonntag“ ins Schloss Bellevue zitiert haben, um einen Artikel über seine Familie zu stoppen. Weil Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident einen engen Kontakt mit den Springer-Medien gewohnt war, überrascht die Abkühlung. Wulff äußerte sich zum ersten Jahrestag seiner Amtsübernahme in der „Zeit“, nicht in „Bild“ oder „Welt“.

Wulffs Umgebung versuchte offensichtlich, Abstand zu Springer zu gewinnen. Man werde sich nicht vor den Karren der „Bild“ spannen lassen. Dies lasse sich mit der Würde des höchsten Staatsamts nicht vereinbaren.

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