ESCHEDE - Günter Berg zieht die Augenbrauen hoch und holt tief Luft, wenn er an die kommenden Tage denkt. Dem parteilosen Bürgermeister der Samtgemeinde Eschede mitten in der Lüneburger Heide steht wohl eine anstrengende Zeit bevor. Vor beinahe zehn Jahren, am 3. Juni 1998, entgleiste unweit der 6500-Einwohner-Gemeinde der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“. Der Zug zerschellte an einer Betonbrücke. 101 Menschen starben, über hundert Fahrgäste wurden schwer und schwerst verletzt. Viele Reisende sind bis heute traumatisiert – wie ihre Retter. Seither steht der Ortsname Eschede für das weltweit schwerste Unglück eines Hochgeschwindigkeitszuges.

Berg macht sich keine Illusionen: „Da kommt noch was“, sagt der ruhige, fast bedächtig wirkende Mann, während er in seinem hübschen, schlichten Büro im Rathaus von Eschede sitzt. Mit „noch was“ meint Berg, dass nun wieder in ganz Deutschland, in ganz Europa, wahrscheinlich sogar auf der ganzen Welt der Name seiner Gemeinde mit einer Katastrophe gleichgesetzt wird. Zig Kamerateams werden vor dem und am 3. Juni wieder durch die Gemeinde ziehen, auf der Suche nach Schicksals- oder Heldengeschichten.

Doch Berg will nicht jammern. Denn der Unfall hat zwar zwangsläufig Narben hinterlassen. „Eschede ist nach der Katastrophe aber nicht in kollektive Depression gefallen“, erzählt der Bürgermeister. Die Bürger seien mit dem Unglück „relativ normal“ umgegangen, das Leben gehe schließlich weiter. Und doch sei es den Bürgern Eschedes ein Anliegen, den Angehörigen und Opfern ein würdevolles Trauern zu ermöglichen, erklärt Berg: „Deshalb pflegen wir die Gedenkstätte.“ Aus eben diesem Grund will die Gemeinde gemeinsam mit dem Landkreis Celle am zehnten Jahrestag auch eine offizielle Trauerfeier an der Gedenkstätte ausrichten – dabei sollen Film- und Fotoaufnahmen komplett verboten sein. Neben dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) soll dann auch Heinz Löwen, der Sprecher der Eschede-Opfer, sprechen.

Daran, dass der ICE nach der Katastrophe langsamer an Eschede vorbei fahren sollte, habe nie jemand gedacht, erläutert Berg. Nur an diesem 3. Juni soll die volle Fahrt des ICE für einen Moment gebremst werden.

Vielleicht kommen auch Sven Wittenberg und Rolf Bartsch zur Trauerfeier. Zwei Namen für die vielen Helfer damals. Als Sven Wittenberg am 6. Juni 1998 in seiner blauen Arbeitskleidung selbst am Ortsrand von Eschede stand, war er schockiert. Auch drei Tage nach dem schweren ICE-Unglück in der Lüneburger Heide bot sich ihm ein Bild der Verwüstung. Überall lagen Trümmerteile in der Landschaft verstreut. Gemeinsam mit 17 anderen THW-Helfern stand der damals 21-Jährige fassungslos vor den Bildern der Zerstörung: „Wo man auch hinsah, überall lagen kaputte Türen, herausgerissene Sitze und Tische“, sagt Wittenberg heute. Auch ein verunglückter Waggon stand noch an der Unglücksstelle, erinnert er sich. Der sei an einem Ende „vollkommen zerfetzt“ gewesen.

Bilder, die auch Rolf Bartsch nicht vergisst. Und auch dieses Geräusch nicht von einem Baggermeißel. „Er zerteilte eine Brücke, um an einen Waggon zu kommen. Opfer sollten geborgen werden“, schildert der damalige THW-Einsatzleiter aus Oldenburg. Solche Eindrücke verfolgten den Oldenburger auch später noch im Schlaf – dieser Tag des Schreckens.