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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Europas Suche nach Gleichgewicht

13.09.2014

Wien Party, Party, Party – heißt es heute. Vor 200 Jahren nannte man das Maskenball, Karussell, Schlittenfahrt. Der Wiener Kongress gilt als eine politische Veranstaltung mit hohem Amüsier-Faktor. Mehr als acht Monate lang – vom 18. September 1814 bis zum 8. Juni 1815 – eilten die rund 1000 Diplomaten nicht nur von Sitzung zu Sitzung, sondern auch von Ball zu Ball.

Herkules-Aufgabe

Das legendäre Bonmot des Fürsten Charles Joseph de Ligne „Der Kongress tanzt, aber er bewegt sich nicht“ beschrieb die Lage. Dabei galt es, eine politische Herkules-Aufgabe zu lösen: Die Neuordnung Europas nach dem Sieg der Verbündeten über Napoleon, der große Teile des Kontinents erobert hatte. „Es war kein Friedenskongress, sondern ein Gestaltungskongress“, sagt der Historiker Prof. Heinz Duchhardt.

Der Friede mit Frankreich war schon besiegelt, als sich die Diplomaten auf Vorschlag von Zar Alexander I. in Wien zum politischen Riesen-Veranstaltung trafen. Ganz bewusst gab es keine Eröffnungszeremonie. „Das war klug“, sagt Duchhardt. Allein die Frage der Reihenfolge unter den Königen, Adligen und Diplomaten aus 100 Delegationen hätte sonst Missmut ausgelöst. Und für spätere Zeiten wurde gleich festgelegt: Das Alphabet in französischer Sprache regelt, wer zuerst den Saal betritt – gut für Österreich (Autriche).

Die Gastgeberrolle selber war für Wien mit seinen 250 000 Bewohnern zweischneidig: Es sonnte sich einerseits im Glanz der Aristokraten und fühlte sich als Weltstadt, andererseits musste das Land die Zeche zahlen. Den als sparsam bis geizig bekannten österreichischen Kaiser Franz I. kostete laut Schätzung der Autorinnen Anna Ehrlich und Christa Bauer das Spektakel umgerechnet bis zu 100 Millionen Euro. „Ausbaden musste das der kleine Mann“, sagt Duchhardt.

Die politischen Ambitionen waren klar: Russland wollte Polen, Preußen wollte Sachsen, Frankreich wollte ungeschoren bleiben, Österreich wollte, was es vor Napoleons Siegeszug besessen hatte, Großbritannien wollte sich gegen potenzielle Invasoren schützen, und alle wollten die alte aristokratische Ordnung vor der Französischen Revolution wiederbeleben. Prominentester Verfechter der Restauration war Clemens Fürst von Metternich. Er kämpfte als Staatsminister für Österreich um Land und Einfluss.

Die bestimmende politische Idee war das Gleichgewicht der fünf großen Mächte. Das zentrale Instrument dazu war die „Verschiebung der Seelen“. Je mehr Bürger ein Land bekam, desto besser. „Seelen bedeuteten Steuerzahler und Soldaten, auch Prestige“, sagt Duchhardt.

Spitzel-Heere

Was Preußen im Osten an Russland verlor, bekam es im Westen und rückte als „Wacht am Rhein“ geostrategisch an den Strom. Polen fiel faktisch größtenteils an Russland. Frankreich blieb die Rolle des politisch Aussätzigen erspart, es durfte und sollte als Großmacht Teil der ersehnten Balance werden.

Die Verhandlungen waren überschattet von einem gegenseitigen Ausspionieren, das heutige Enthüllungen über NSA-Praktiken fast in den Schatten stellt. „Es wurden ganze Heere von Spitzeln eingesetzt – vom Kammerdiener über Mätressen bis hin zu Wirten“, sagt Duchhardt. Das Misstrauen galt vor allem Fürst von Metternich und seiner Geheimpolizei, deren Aufzeichnungen eine wichtige Quelle für die Historiker sind.

Schwung in die Verhandlungen brachte der ehemalige gemeinsame Feind. Als Napoleon im März 1815 von seinem Exil in Elba nach Paris aufbrach, galt es, die Vergnügungen einzustellen und den Korsen in Waterloo schließlich endgültig zu besiegen. Die Wiener Congreß-Acte, von acht Königen und Kaisern unterzeichnet, formte das neue Europa schon im Zeichen der „Heiligen Allianz“, die im September von Russland, Österreich und Preußen geschlossen werden sollte. Ein Bündnis, das den „Ewigen Frieden“ nach den Vorstellungen der Großmächte sichern sollte.

Enttäuscht waren unter anderem diejenigen, die auf einen deutschen Nationalstaat gehofft hatten. Es reichte nur zum Deutschen Bund, einer Vereinigung von 35 Fürstentümern und vier Reichsstädten. Die Wiener Ordnung aber hat trotz ihres bitteren Beigeschmacks von Zensur und der Unterdrückung liberaler Bewegungen eines zustande gebracht: „Sie hat den Frieden mindestens bis zum Krimkrieg oder gar bis zum Ersten Weltkrieg erhalten“, bilanziert Duchhardt.

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