F - Die Autoindustrie orientiert sich neu. Das Flaggschiff eines Autobauers war jahrzehntelang sein sportliches oder edles Oberklassenfahrzeug – doch seit neuestem dürfen sich auch Modelle mit niedrigem Spritverbrauch zu den Stars zählen. Früher kaum beachtete Kleinwagen oder Öko-Autos mit wenig Abgasen stehlen den Boliden die Schau.
Die Klimadebatte hat die Hersteller in Europa und den USA kalt erwischt. Das Thema Klimawandel bringt sie in Erklärungsnot und lässt ihren Absatz schrumpfen. Verlorenes Terrain wollen sie mit vielen „grünen Autos“ zurückerobern.
Den Klimaschutz als Ziel hat die EU-Kommission den europäischen Herstellern vorgegeben. Die Brüsseler Behörde will bis zum Jahr 2012 einen Grenzwert von durchschnittlich 130 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer festlegen. Derzeit sind es im Schnitt noch 161 Gramm. Um die Abgasnormen zu erfüllen, müssten die deutschen Hersteller nach einer Berechnung des Beratungsunternehmens Roland Berger jedes Jahr bis zu drei Milliarden Euro mehr ausgeben. Als Lösung schlagen sie vor, die Zahl der Motorenvarianten zu verringern, um höhere Stückzahlen zu erreichen, und die Modelle besser zu vermarkten.
Denn die deutschen Hersteller sind für ihre Ingenieurkunst berühmt, aber auch für ihre schlechte Vermarktung berüchtigt.
Zudem ist der Gesamtverbrauch deutscher Neuwagen seit 1990 um ein Viertel gesunken. „Die deutsche Industrie war vor Jahren ihrer Zeit voraus mit dem Drei-Liter-Auto Lupo von VW und dem ersten Hybrid von Audi“, sagt Ulrich Höpfner vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. „Aber dann haben sie nur noch der Auto-Vernarrtheit gehuldigt.“ Die Industrie habe das Thema Umweltschutz „verschlafen.“
Noch härter fällt die Kritik des ehemaligen BMW-Chefvolkswirts und Leiters des Beratungsinstituts IWK, Helmut Becker, aus: „Unverdrossen verpulvert die deutsche Autoindustrie ihre Entwicklungsmilliarden für Größer, Schwerer, Schneller, anstatt in Kleiner und Verbrauchsärmer zu investieren.“
Die deutsche Industrie will nun das Image des Klimakillers loswerden. Alle Hersteller werben für saubere und sparsame Motoren.
Auf der IAA wird eine Vielzahl Hybrid-Autos zu sehen sein. Neue Motoren-Technologien, Start-Stop-Systeme, Bremsenergie-Rückgewinnung, Elektroautos: Die Hersteller bemühen sich auf vielen Feldern. Allerdings hat die Umwelt-Freudnlichkeit ihren Preis: Sie wird Neuwagen um bis zu 2000 Euro verteuern.
Noch sind nur wenige Kunden bereit, soviel draufzuzahlen, ein allgemeiner Bewusstseinswandel ist nicht zu sehen. Hybrid-Fahrzeuge verkaufen sich nur in Stückzahlen von wenigen Tausend– die Nachfrage nach spritfressenden Geländewagen nahm im ersten Halbjahr um sechs Prozent zu.
