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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Immer noch nicht komplett im Arsch

18.10.2019
Frage: Hallo Kai, im Dezember spielt Ihr in Oldenburg in den Weser-Ems-Hallen. Habt ihr schon Plätze für den Verfassungsschutz Niedersachsen reserviert?
Irrgang: [muss lachen] Keine Ahnung, die haben sich noch nicht gemeldet.
Frage: Spaß beiseite: Ihr wurdet schon in zwei Bundesländern im Verfassungsschutzbericht erwähnt. Wie genervt seid Ihr, dass das immer wieder zur Sprache kommt?
Irrgang: Das nervt natürlich schon irgendwann. Ich glaube, dass wir dazu schon alles gesagt haben. Wir haben ja dagegen geklagt, aber nicht, weil wir sagen: Wir wollen von allen gemocht werden. Nein, weil das ganz konkrete Probleme für uns, Veranstalter und Locations mit sich bringt. Deswegen haben wir dagegen geklagt. Aber es ist auch einfach so: Eine Behörde wie der Verfassungsschutz, da bin ich nicht traurig, dass die uns scheiße findet.

Noch nicht komplett im Arsch

Frage: Ihr macht nicht nur Musik gegen Rechts, sondern engagiert Euch auch anderweitig gegen Rechts. Zum Beispiel war da die Kampagne ,Noch nicht komplett im Arsch. Zusammenhalten gegen Rechtsruck’. Das war vor drei Jahren. Sind wir immer noch ,nicht komplett im Arsch’?
Irrgang: Nein, sind wir nicht. Die politische Situation hat sich dahingehend geändert, dass der Rechtsruck auch in den Parlamenten angekommen ist. Das war auch vor drei Jahren schon abzusehen, dass das passieren wird. Wir haben ja damals auch nicht gedacht: Jetzt machen wir eine Kampagne und dann wird alles gut. Mit dem Ausdruck ,Noch nicht komplett im Arsch’ wollten wir, genau wie mit den Aktionen, die wir gemacht haben, aber hervorheben: Es gibt überall zivilgesellschaftliche Strukturen und coole Leute, die Projekte initiieren und sich in ihren Orten gegen Rechts engagieren.
Frage: Ihr seid entschiedene Gegner der AfD. In Oldenburg ist gerade ein AfD-Mitglied, das in linken Kreisen als völkischer Hardliner gilt, in den Stadtrat nachgezogen. Was meinst Du, wie sollten die Oldenburger damit umgehen?
Irrgang: Ich glaube, ganz wichtig ist, immer eine klare Abgrenzung, eine klare Kante zu zeigen. Nicht, dass das verwässert wird, wie es auf kommunaler Ebene schon ganz oft passiert, dass da mit AfDlern gemeinsame Sache gemacht wird. Das muss verhindert werden. Und das nicht nur gegenüber Hardlinern, sondern auch gegenüber, wenn man das so sagen möchte, den Gemäßigten in der AfD.
Frage: Wo ist denn das Problem mit den Gemäßigten?
Irrgang: Die ermöglichen erst den Erfolg dieser Hardliner. Wenn gesagt wird, dass nicht alle so sind, nicht jeder Nazi, nicht jeder wie Höcke ist, liegt da das Problem. Denn dadurch werden die Positionen dennoch normalisiert.

Nicht die Laune verderben lassen

„Wir haben immer noch uns“-Tour Winter 2019

Vor ihrer Live-Pause gehen Feine Sahne Fischfilet im Winter dieses Jahres noch einmal auf Tour. Los geht es am 28. November in Saarbrücken, die Tour endet am 28. Dezember in Bamberg. Mehrere Konzerte sind bereits ausverkauft.

In Oldenburg sind die Musiker am Samstag, 14. Dezember. Auftrittsort sind die Weser-Ems-Hallen. Stehplatzkarten gibt es ab 33 Euro, unter anderem bei tixforgigs.com.

Das Konzert beginnt um 20 Uhr mit dem Auftritt der Vorband. Gegen kurz nach 21 Uhr werden dann voraussichtlich Feine Sahne Fischfilet spielen.

Als Vorband treten in Oldenburg „Waving the Guns“ auf.

Frage: In Dresden wurdet Ihr jüngst mit dem Banner ,Was reimt sich auf Zyklon B? Feine Sahne Fischfilet’ begrüßt. Wie ist das für Euch als Musiker, vor Auftritten so angegangen zu werden.
Irrgang: Es ist schon nervig, weil man Sachen anders planen muss. Das ist, denke ich, bei uns schon anders als bei vielen anderen Bands, die sich zum Beispiel weniger mit Sicherheitsfragen beschäftigen müssen. Ich fand bei dem Banner in Dresden jetzt aber, so heftig der Spruch auch war, dass das zeigte, was rechte Politik eigentlich ist.
Frage: Was meinst Du damit?
Irrgang: Die AfD und andere Neurechten verklausulieren viel, wenn sie reden. Die sprechen sich zum Beispiel nicht mehr offen gegen andere Hautfarben aus, sondern reden von Ethnischem Pluralismus oder von anderem Quatsch. Das Plakat hat gezeigt, worum es denen aber eigentlich geht: Der Wunsch nach Vernichtung von Andersdenken, von einem Ausschluss derer, die nicht zu ihrer angeblichen Volksgemeinschaft gehören. Genau das ist reaktionäre rechte Politik.
Frage: Lasst Ihr euch die Stimmung davon verderben?
Irrgang: Nö, ach, weißt du: Wenn da so ein paar wenige Leute so ein Banner aufhängen – dann dreh ich mich um und steh da vor 10 000 Leuten und spiel ein Konzert. Da freu ich mich und denk: Alter, ihr sagt, keiner will uns in Dresden haben und hier stehen über Zehntausend Leute und feiern einfach hammerhart zu unserer Musik. Natürlich lass ich mir da nicht die Freude vermiesen.

Alles auf Rausch – immer noch

Frage: Ihr habt nicht nur Gegner, sondern auch Fans. Auf Eurem jüngsten Album Sturm & Dreck (2018) singt ihr in ,Alles auf Rausch’ unter anderem: ,Uns reisen Leute hinterher, das zu glauben fällt uns schwer’. Tut es das nach so vielen Jahren auf der Bühne wirklich noch?
Irrgang: Auf jeden Fall. Wir hatten vor etwas mehr als einem Monat unser eigenes Festival in Jarmen. Wenn man sich anguckt, von wo da überall Menschen angereist sind. Da denke ich auch immer, dass es schon krass ist, wie viele Verrückte es im positiven Sinne gibt. Menschen, die sonst was für Wege auf sich nehmen, um auf unsere Konzerte zu gehen. Das finde ich immer noch schwer zu glauben.

Pause von Konzerten, Zeit für Probenraum

Frage: Dennoch habt Ihr angekündigt, nach der Wintertour eine Live-Pause zu machen. Warum?
Irrgang: So schön das auch ist, unterwegs zu sein, Festivals zu spielen und die ganzen Aktionen zu machen, brauchen wir als Band auch einfach mal Zeit für uns. Mal wieder zu sechst in den Proberaum gehen; gucken, was machen wir eigentlich in Zukunft und einfach mal wieder zusammen Musik machen. Klar, auf Tour spielst du jeden Tag, aber im Proberaum mal wieder neue Sachen und Ideen auszuprobieren, das fehlt halt. Das ist uns im nächsten Jahr wichtig.
Frage: Das heißt, es könnte ein neues Album geben?
Irrgang: Wer weiß. Ich würde mich auf jeden Fall freuen.
Frage: Wer die Chance in Oldenburg nutzen will und Euch vielleicht noch nie live gesehen hat: Was macht ein typisches Feine-Sahne-Konzert aus?
: Irrgang: Die Stimmung! Wer schon bei uns war, kann davon ein Lied singen, wie die Leute abgehen. Trotzdem ist es ein sehr entspannter Umgang untereinander. Und wir sind ja überhaupt das erste Mal in Oldenburg und dann gleich in so einer großen Halle wie der Weser-Ems-Halle, das ist schon etwas Besonderes.

„Und unsere Wut – Sie treibt!“

Frage: Als Support-Band habt Ihr Waving The Guns in Oldenburg dabei. Werdet Ihr zusammen auch das Lied Wut spielen? Das habt Ihr ja zusammen aufgenommen.
Irrgang: Joa, ich glaub, das liegt nahe. Mal gucken, ob die da Bock drauf haben.
Frage: Zum Abschluss eine Frage aus eigenem Interesse: Ihr habt bei der Verabschiedung meines ehemaligen Uni-Professors Dr. Armin Burkhardt in Magdeburg gespielt. Wie weit oben ist dieses Abschiedskonzert auf der Liste der erinnerungswürdigen Konzerte?
Irrgang: Ja, schon hoch. Man wird ja nicht jeden Tag von so einem renommierten Professor eingeladen. Wir hatten ja schon auf einem Wohnzimmerkonzert bei ihm gespielt. Und Armin ist auf jeden Fall echt ein super Typ, hammerentspannt. Ich hab so das Gefühl, er ist immer ganz entspannt, aber auch ganz überlegt in dem was er macht. Wir haben ihn wirklich lieben gelernt in den letzten Jahren.

Die Band Feine Sahne Fischfilet – Ein Überblick

Die Band Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern gerät seit 2012 aufgrund ihrer politischen Einstellung und ihres Engagements gegen Rechts immer wieder in die Schlagzeilen.

Bandgründung: 2007 wurde die Band gegründet. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gründungsmitglieder noch Schüler.

Anfänge: In den Frühzeiten der Band war von der jetzigen, linken Ausrichtung der Band noch nicht so viel zu spüren. Auf dem ersten, nicht mehr erhältlichen Album „Backstage mit Freunden“ (2009) finden sich noch sexistische Texte. Davon distanziert sich die Band mittlerweile.

Wandlung: Als die Band feststellte, dass auch Neonazis ihre Musik hören und ihre Konzerte besuchen, positionierte sich die Band als eindeutig antifaschistisch und gegen Rechts.

Verfassungsschutz: 2012 wurde Feine Sahne Fischfilet erstmal im Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommern 2011 erwähnt. Als Grund gab die Behörde die „explizit anti-staatliche Haltung“ der Band an. Auch 2013 wurde die Band im Bericht der mecklenburg-vorpommerischen Verfassungsschützer für 2012 erwähnt. Die Band klagte mehrfach, meistens vergeblich, gegen die Erwähnungen. Im Bericht 2015 für Mecklenburg-Vorpommern wurde die Feine Sahne Fischfilet letztmals erwähnt – zumindest in diesem Bundesland.Im Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2018 in Sachsen wird die Band als „aktivste nichtsächsische linksextremistische Band, die in Sachsen agierte“bezeichnet. Besondere Erwähnung findet das Lied „Wut“, welches als Aufforderung zu Gewalt gegen Polizisten interpretiert werden könne.

Wasted in Jarmen: Seit 2016 veranstalten die Musiker um Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow in ihrer Heimatstadt Jarmen jedes Jahr ein eigenes Festival. Mit dem „Wasted in Jarmen“ will Feine Sahne Fischfilet sowohl ein Zeichen gegen Rechts setzen als auch einen geschützten Ort zum Feiern schaffen – für all diejenigen, die sich in der Provinz gegen Neonazis engagieren oder unter ihnen leiden.

Auszeichnungen: Beim Courage-Preis der Linksfraktion im Landtag Mecklenburg-Vorpommern kam Feine Sahne Fischfilet 2013 auf Platz 2. Die Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch“ wurde erhielt 2017 den Preis für Popkultur. Mehrfach ausgezeichnet wurde die Doku „Wildes Herz“ über Band und Sänger Monchi.

Claus Arne Hock Redakteur / Online-Redaktion
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