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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Kirche steht vor tiefgreifendem Wandel

26.09.2018

Fulda /Bonn Kardinäle im Büßerhemd: „Erschüttert und erschrocken“ sei er über die Ergebnisse der Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx. Kirchliche Amtsträger müssten verstärkt auf „die dunklen Seiten“ ihres Lebens und „des Lebens der ganzen Kirche“ schauen. Der Kölner Erzbischof Rainer Woelki bezeichnete die Erkenntnisse kürzlich im Domradio als „schrecklich“, er sei „persönlich zutiefst getroffen. Ich schäme mich an dieser Stelle für meine Kirche“.

Tatsächlich ist die am Dienstag in Fulda vorgestellte Studie der Bischofskonferenz bemerkenswert. Sie beziffert Taten und benennt Gründe – in ungekannter Deutlichkeit und auf wissenschaftlicher Basis. Die Kirche wollte sich mit dieser vor über vier Jahren in Auftrag gegebenen Studie Klarheit über das Ausmaß des Missbrauchs verschaffen – und die bekommt sie aufgefächert auf 356 Seiten.

Zwischen 1946 und 2014 sollen mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben. In Kirchenakten habe man Hinweise auf den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen bei 4,4 Prozent aller Kleriker gefunden, die in diesem Zeitraum tätig gewesen seien und über die Akten vorgelegen hätten, sagt der Leiter der Studie, Harald Dreßing. Und die Thematik sei keineswegs überwunden – das Risiko bestehe angesichts der Machtstrukturen der Kirche fort.

„Die hohen Zahlen von Beschuldigten und Betroffenen schockieren ebenso wie das unfassbare Ausmaß der Nichtachtung gegenüber den Opfern und des Verschweigens und Vertuschens“, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Kirchenkenner An-dreas Püttmann („Gesellschaft ohne Gott“) reagiert mit den Worten: „Dass 4,4 Prozent der Kleriker seit 1946 durch sexuellen Missbrauch aktenkundig wurden, übertrifft frühere Annahmen. Besonders verstörend finde ich den Befund der geringen Reue unter den Tätern.“

Es ist mittlerweile acht Jahre her, seit der Jesuitenpater Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs nicht nur an seiner Schule, sondern auch in zahllosen anderen katholischen Einrichtungen bundesweit anstieß. Seitdem hat die Kirche bei der Aufklärung und Prävention ohne Zweifel Fortschritte gemacht. „Die Aufklärungsbereitschaft der deutschen Bischöfe können sich im internationalen Vergleich gewiss manche Bischofskonferenzen zum Vorbild nehmen“, sagt Püttmann.

So müssen alle ehren- wie hauptamtlich Tätigen in der Kinder- und Jugendarbeit entsprechende Kurse durchlaufen. Viele katholische Gemeindemitglieder an der Basis empfinden das als Zumutung. „Man will sich in seiner Freizeit engagieren, und zum Dank wird man wie ein potenzieller Sexualstraftäter behandelt“, heißt es dann. Die Kirche nimmt hier Widerstand in Kauf. „Keine andere gesellschaftlich relevante Organisation – wie zum Beispiel die großen Sportverbände – kann hier auch nur ansatzweise mithalten“, lobt der Kirchenrechtler und Theologie-Professor Thomas Schüller.

Es hat sich also manches geändert – aber lange nicht alles. Die ausgeprägte klerikale Macht, die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat), ein innerkirchlich „problematischer Umgang“ mit dem Thema Sexualität und vor allem mit der Homosexualität – das alles sind aus Sicht der Wissenschaftlicher entscheidende Gründe dafür, dass die katholische Kirche so anfällig ist für Missbrauchstäter in ihren Reihen. Dreßing betont, wenn die Kirche die Thematik in Zukunft wirklich überwinden wolle, müsse sie sich mit diesen Themen „ernsthaft und mit dem Mut zur Veränderung“ befassen.

Doch die kirchlichen Strukturen, die Missbrauch in der Vergangenheit begünstigt haben, bestehen erst mal weiter. Schüller kritisiert: „Wir haben es mit einem sehr hierarchisch geführten System zu tun, mit einem männerbündischen System an Klerikern. Immer noch heißt das Motto: Auf die Kirche als heilige Institution, die Jesus gewollt hat, darf nicht der geringste Schatten fallen.“

Die mangelnde Transparenz verhindere eine grundlegende Aufarbeitung, meint Kriminologe Pfeiffer. „Man erschöpft sich jetzt in großen Bekundungen der Betroffenheit und der Scham. Aber das reicht nicht. Vertrauen ist das große Kapital jeder Kirche.“ Dieses lasse sich nach dem Bekanntwerden des Skandals nur wiederherstellen, wenn die Kirche aus den Vorgängen personelle und strukturelle Konsequenzen ziehe.

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