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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Deutsche Geschichte: Gefährliche Flucht in ein neues Leben

25.09.2010

BERN Den 2. Juni 1975 wird der damalige Reck-Weltmeister Eberhard Gienger wohl nie vergessen, und schon gar nicht DDR-Turner Wolfgang Thüne: Der Schwabe verhalf seinem ostdeutschen Kontrahenten während der Turn-Europameisterschaft in Bern zur Flucht in den Westen und somit zu einem neuen Leben.

„Wir kannten uns von zahlreichen Wettkämpfen, man traf sich im Trainingsraum, fuhr im selben Bus und wohnte im selben Hotel. Wolfgang, ein Offizier der Nationalen Volksarmee, hatte in Bern den militärischen und politischen Auftrag, mich zu besiegen. Er hatte auch die beste Vorwertung, aber dann rutschte er an seinem Sportgerät ab“, erinnert sich der 59-jährige Gienger, seit 2002 CDU-Bundestagsabgeordneter.

Thüne, dessen Heimatverein ASK Vorwärts Potsdam war, musste mit Repressalien und Degradierung rechnen. „Beim Bankett nach dem Wettkampf sprachen mich andere Sportler an: Du, der Thüne will abhauen“, berichtet Gienger weiter. Die beiden Kontrahenten trafen sich schließlich auf der Toilette. „Er war wild entschlossen, in den Westen zu flüchten.“

Mit zwei Autos fuhr man zum Hotel, Thüne zog sich um und kam im Anzug wieder heraus. In Eberhard Giengers Opel Manta fuhr man in Richtung westdeutscher Grenze: An Bord Thüne, Gienger, dessen Freundin (und heutige Frau) sowie ein westdeutscher Kampfrichter, der von Beruf Polizist war. Kurz vor der Grenze wurde Thüne nervös. „Er hatte ja nur seinen DDR-Pass. Wir versicherten ihm aber, dass an dieser Grenze nicht geschossen wird“, so Gienger. Bei der Grenzkontrolle zeigte der Kampfrichter seinen Polizeidienstausweis vor, Gienger sagte, er habe seinen Pass in der Jacke im Kofferraum. Der Grenzer erkannte ihn, man wollte schließlich nach Baden-Württemberg, wo Gienger zu Hause war. Heimspiel. Sie durften passieren und setzten den DDR-Sportler in Emmendingen ab. Die anderen fuhren zurück nach Bern, gingen zum Bankett. Keiner hatte etwas gemerkt. Hinterher hieß es, Thüne sei per Anhalter geflohen.

„Wir haben die Geschichte 25 Jahre geheim halten können. Wenn das herausgekommen wäre, hätte ich nie mehr in den Ostblock einreisen dürfen. Und 1980, das stand damals schon fest, waren die Olympischen Spiele in Moskau“, erklärt Gienger. Der Kontakt des Fluchthelfers und des Flüchtlings besteht bis heute.

20 Jahre deutsche Einheit. Den Mauerfall hat der einstige Spitzensportler Gienger „mit Tränen in den Augen“ vorm Fernseher verfolgt. Später ging er im Handstand von Ost nach West durchs Brandenburger Tor – und auf der Mauer. „Es war ein schwieriger Prozess. Dass das alles ohne Blutvergießen überstanden wurde, ein Glück.“

Doch der Politiker hat nach wie vor „das Gefühl, dass noch einiges geschehen muss beim Zusammenwachsen“ von Ost und West. Da sei immer noch dieses „Wir hier und Ihr da drüben“. Und deshalb werde es wohl noch einige Jahre dauern, bis Normalität einkehre.

Norbert Wahn Redakteur / Politikredaktion
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