Hildesheim/Bad Bevensen - Karin Frank-Gerstung ist eine erfahrene Lehrerin. „Aber ich habe das Gefühl, meinen Beruf noch einmal neu zu lernen“, sagt die 57-Jährige. Seit einem Jahr studiert sie berufsbegleitend an der Uni Hildesheim „Inklusive Pädagogik“. In wenigen Tagen übernimmt sie am „Andreanum“ in Hildesheim die erste Inklusionsklasse des evangelischen Gymnasiums. Mit Schuljahresbeginn sollen in Niedersachsen alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden können – auch wenn sie zum Beispiel wegen einer Behinderung besonders gefördert werden müssen.
„Jedem alles zutrauen“
Die inklusive Schule startet zunächst in den ersten und fünften Klassen. Eltern können dabei wählen, auf welche Schule sie ihr Kind schicken. In den Umbau der Gebäude und die Fortbildung der Lehrer hat das Land Millionenbeträge investiert. Damit die Inklusion gelingt, müsse sich aber vor allem in den Köpfen etwas bewegen, ist Frank-Gerstung überzeugt. „Es ist ein neuer Blick auf den Menschen.“
In die fünfte Klasse der Lehrerin werden neben 16 Kindern mit Gymnasialempfehlung auch fünf Schüler mit Beeinträchtigungen gehen. Das Abitur schafft wahrscheinlich keiner von ihnen. „Zur Inklusion gehört es aber auch, die Kinder so nicht zu beurteilen, und jedem alles zuzutrauen“, sagt die Lehrerin. Im Unterricht wird sie künftig von einer Förderlehrerin unterstützt. Jedem Schüler passende Aufgaben zu stellen und dennoch alle zusammenarbeiten zu lassen, das wird die Herausforderung sein.
Kinder als Vorbild
In der Region Bad Bevensen gibt es damit bereits Erfahrungen. Ein Verbund rund um die Förderschule Dohrmann-Schule nimmt dort schon seit mehr als zehn Jahren vorweg, was jetzt für alle vorgesehen ist. Dort gibt es keine Grundschüler mehr an der Förderschule. Stattdessen unterstützen deren Lehrer ihre Kollegen an den Grundschulen. Auch mit einer Gesamtschule arbeiten sie zusammen. Das sei der richtige Weg, findet die Fachberaterin für Sonderpädagogik der Dohrmann-Schule, Jutta Körner. Denn neuere Untersuchungen zeigten, das Vorbild anderer Kinder sei für das Lernen entscheidend.
Die Dohrmann-Schule gehört zu den 175 Förderschulen mit dem Schwerpunkt „Lernen“ in Niedersachsen, die in den nächsten Jahren abgeschafft werden. Vor zehn Jahren hatte sie noch 120 Schüler, heute sind es elf. „Nur wenige Eltern wollen ihr Kind in diese Art der Förderschule schicken“, erläutert Körner: „Eltern haben ein klares Bewusstsein dafür, dass damit auch eine Ausgrenzung geschieht.“ Oft kämen die Schüler aus sozial benachteiligten Familien. Verhaltensauffälligkeiten seien manchmal eher der Grund als Lernschwierigkeiten.
Neues Schulklima
Damit Inklusion Wirklichkeit werde, müsse sich erst einmal das Klima an den Schulen ändern, sagt Sven Hübner, Geschäftsführer der Förderschulen der evangelischen Pestalozzi-Stiftung. Zur Stiftung gehören auch drei Förderschulen für emotionale und soziale Entwicklung. Sie nehmen vorwiegend Kinder auf, die an den Regelschulen an Konflikten mit Lehrern oder Klassenkameraden bereits gescheitert sind – und die Anmeldezahlen sind stabil. Auch die Förderschulen für seh-, hör- und körperbehinderte sowie geistig behinderte Kinder bleiben weiter bestehen.
Bis der gemeinsame Unterricht für alle Wirklichkeit wird, sei es ein Prozess, sagt Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Viele Schulen seien darauf gut vorbereitet. „Es bleibt aber eine Herausforderung über einen längeren Zeitraum für alle, insbesondere für die Lehrkräfte.“ Lehrerin Karin Frank-Gerstung blickt voller Erwartungen und ein bisschen aufgeregt dem Schuljahr entgegen: „Es ist, als ob man gut trainiert auf den Start eines Laufes wartet.“
