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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Grüner Hügel als skandalfreie Zone

22.07.2017

Bayreuth Die Beete sind bepflanzt, die Hecken im Park rund um das Bayreuther Festspielhaus akkurat gestutzt. Hinter den hohen Zäunen am Bühneneingang werden Wagen mit Bühnenbildern hin- und hergefahren. Natürlich gut versteckt unter Planen. Wenige Tage vor der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele am kommenden Dienstag geht es auf dem Grünen Hügel zu Bayreuth ruhig zu. Und das ist bemerkenswert.

Schließlich konnte man fast jedes Jahr damit rechnen, dass irgendein Skandal den Adrenalinspiegel der Wagnerianer noch einmal nach oben treiben würde, bevor der erste Ton dem Orchestergraben entsteigt. Mal wurde ein Sänger wegen eines früher sichtbaren Hakenkreuz-Tattoos geschasst, mal schmiss die Sängerin der Titelpartie einen Monat vor der Eröffnung hin.

Und 2017? Man habe Spaß an der Probenarbeit und freue sich auf die Festspiele, lassen Barrie Kosky und Philippe Jordan verlauten. Regisseur und Dirigent der diesjährigen Premierenoper „Die Meistersinger von Nürnberg“ scheinen perfekt zu harmonieren, sie loben die Besetzung, die ihnen Festivalchefin Katharina Wagner und Musikdirektor Christian Thielemann organisiert haben. „Barrie Kosky ist ein wunderbarer Regisseur“, sagte Wagner vor wenigen Wochen.

Der Intendant der Komischen Oper Berlin ist Profi und ein Theater- und Opernmacher aus Leidenschaft. Dass er zusammen mit Jordan, Musikdirektor der Pariser Oper und Chefdirigent der Wiener Symphoniker, Qualität abliefern wird, versteht sich fast schon von selbst. Jordan debütierte 2012 in Bayreuth, als er Stefan Herheims gefeierte „Parsifal“-Inszenierung dirigierte und hervorragende Kritiken dafür erntete.

Erneut zum Programm gehört „Tristan und Isolde“ in der Regie von Katharina Wagner und unter der musikalischen Leitung von Thielemann. Der „Parsifal“ von Uwe Eric Laufenberg geht in die zweite Runde. Im Vorjahr hatte der eigentlich vorgesehene Dirigent Andris Nelsons vier Wochen vor Festspielstart das Handtuch geworfen. Warum genau – das weiß die Öffentlichkeit bis heute nicht so wirklich. Hartmut Haenchen ist eingesprungen, er steht auch dieses Jahr am Pult.

Zudem wird er das Festspielorchester am 24. Juli, einen Tag vor der Eröffnung, leiten. Denn dann gibt es einen Festakt zu Ehren des einstigen Festspielchefs Wieland Wagner. Er wurde vor 100 Jahren geboren. Und was sehr selten ist – im Festspielhaus erklingt aus diesem Anlass nicht nur Musik von Richard Wagner, sondern es werden auch Ausschnitte aus Verdis „Otello“ und Alban Bergs „Wozzeck“ zu hören sein.

Es ist ein versöhnliches Zeichen. Schließlich waren sich die Familienzweige Wielands und seines Bruders Wolfgang Wagner nicht immer grün. Wolfgang hatte die Festivalleitung 1951 gemeinsam mit Wieland übernommen und nach dessen Tod 1966 allein weitergeführt. Wielands Tochter Nike war später auf Konfrontationskurs zu ihrem Onkel Wolfgang gegangen. Doch der schaffte es, seine Töchter Katharina und Eva Wagner-Pasquier 2008 als Doppelspitze zu installieren. Inzwischen ist Katharina alleinige künstlerische Leiterin.

Zum letzten Mal in Bayreuth zu sehen ist in diesem Jahr der vierteilige „Ring des Nibelungen“ in der Regie von Frank Castorf. Bei der Premiere 2013 erntete seine Version der Tetralogie mit sich vermehrenden Krokodilen, Motel-Ambiente und Blowjob am Berliner Alexanderplatz heftige Buhrufe. Von Jahr zu Jahr schwand zwar die extreme Aufregung, in rückhaltlose Begeisterung schwenkte die Stimmung freilich nicht um.

Die Schaulustigen in Bayreuth dürften in diesem Jahr dem Festspiel-Auftakt besonders entgegenfiebern, nachdem der rote Teppich im Vorjahr aus Respekt vor den Opfern des Amoklaufs von München nicht ausgerollt wurde.

Für den 25. Juli hat sich das schwedische Königspaar Carl Gustaf und Silvia angesagt. Royalen Glanz im Festspielhaus gab es zuletzt vor 30 Jahren, als der britische Thronfolger Charles kam. Und auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt wieder zur Eröffnung, nachdem sie sich im vergangenen Jahr noch wegen Terminschwierigkeiten entschuldigen hat lassen. Also auch an der Promi-Front scheint alles in schönster Ordnung zu sein.

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