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NWZonline.de Nachrichten Politik Hintergrund

Corona-Krise: Weg zur Normalität ist noch weit

08.07.2020

Gütersloh Mit gut 100 000 Einwohnern ist Gütersloh seit einigen Jahren offiziell eine Großstadt – aber bislang weit entfernt von einem Brennpunkt gewesen. Das änderte sich schlagartig, als der nach der Stadt benannte Kreis plötzlich ins Schlaglicht der Corona-Krise fiel. Im Tönnies-Werk Rheda-Wiedenbrück brach das Virus aus und mehr als 1000 Mitarbeiter wurden nachweislich infiziert.

Plötzlich war die Region ein „Hotspot“, Schulen, Kitas und Kinos mussten wieder schließen. Draußen treffen durfte man sich nur zu zweit. Vorbei. Ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts hob den neuerlichen Lockdown auf, kurz bevor die Landesregierung das wohl eh getan hätte. In Gütersloh merkt man keinen großen Unterschied auf der Straße – aber in den Köpfen der Verbraucher hat sich etwas bewegt. „Ich habe keine Angst gehabt“, sagt Peter Sima in westfälischer Grammatik, als er am Dienstag zum Einkaufen mit seiner Frau die Gütersloher Innenstadt besucht.

Keine Wut auf Tönnies

Schuld an allem sei sowieso nur einer, ist der Maurer sich sicher: „Der Verbraucher! Weil wir das billige Fleisch haben wollen.“ Wut auf den Fleischkonzern Tönnies kommt daher nicht auf – auch wenn der Corona-Ausbruch in dem Betrieb zwischenzeitlich das Leben in zwei Kreisen – außer Gütersloh auch Warendorf – heruntergefahren hat. „Vor 30 Jahren wussten wir schon, wie die Arbeiter hausen“, sagt Sima. Ernsthafte Folgen hatte es nicht.

So oder so ähnlich sehen das viele Gütersloher. Am ersten Tag nach der Aufhebung der strengeren Corona-Einschränkungen im Kreisgebiet durch das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen ist die Lage in der Stadt entspannt. Auf dem Wochenmarkt sind fast genauso viele Menschen mit Maske wie ohne unterwegs. Mit jeder Stunde füllt sich die Innenstadt am Morgen mehr.

Menschen mit Masken, überall Desinfektionsspender, Hinweisschilder, Abstandsmarkierungen und eine Schlange vor der Apotheke – so oder so ähnlich sieht es zurzeit überall in NRW aus. So weit alles normal in Gütersloh. Das Fitnessstudio einer großen Kette hat zwar noch geschlossen und verweist auf Online-Kurse, aber die Geschäfte, Restaurants und Cafés sind offen. Genau wie in den vergangenen Wochen. Einen „Lockdown light“ hatte es in den beiden Kreisen gegeben.

Keine schöne Zeit. Aber: „Die Gütersloher lassen sich nicht unterkriegen“, sagt Rüdiger Abel, der seit 30 Jahren Thüringer Bratwürste und Frischfleisch auf dem Markt verkauft. „Tönnies treibt meinen Umsatz hoch. Jetzt wollen wirklich alle ordentliche Qualität kaufen“, erzählt er. Richtig freuen kann er sich über das Umsatz-Plus allerdings nicht, denn es fängt kaum das Minus aus seinem zweiten Standbein auf: Catering.

Alles ausverkauft

„Als der zweite Lockdown bekannt wurde, war bei mir um 10 Uhr morgens alles ausverkauft“, erzählt auch Christel Röer, die vor allem Geflügel auf dem Markt in Gütersloh verkauft. „Es normalisiert sich alles wieder. Allerdings kaufen die Leute tatsächlich bewusster ein.“ Das Fleisch dürfe gerne teurer sein, Hauptsache Haltung und Herkunft seien in Ordnung.

Das Lockdown-Leben im Kreis und der Stadt war das eine. Dazu kamen aber mögliche Reisebeschränkungen. „Wir wollten in die Ferien fahren und haben uns am Anfang überhaupt nicht gut gefühlt, weil wir aus Gütersloh kommen“, erzählt Sandra Jonschker, die mit ihrer Tochter Lou in der Innenstadt ein Eis isst: „Wir sind gestern von Texel zurückgekommen und wir haben uns alle Sorgen umsonst gemacht.“

Der Weg hin zu den Ferien sei aufregend gewesen: „Wir haben uns einen Tag vor der Abfahrt für einen Test angestellt, das negative Ergebnis per App einen Tag später bekommen.“ Kontrolliert habe das in den Niederlanden allerdings niemand. Jetzt freue sich Tochter Lou vor allem darüber, dass sie sich wieder mit ihren Freunden treffen kann.

Am Dienstagmorgen wird bekannt, dass die Infektionsrate im Kreis weit unter die kritische Marke gerutscht ist. Der Lockdown – der noch bis Mittwochnacht weiter gelaufen wäre – hätte wohl ohnehin ein Ende gehabt. So haben die Menschen ihre begrenzte Freiheit etwas früher wieder gewonnen. Denn mit mehr als zehn Menschen darf man sich draußen weiter nicht treffen. So wie in ganz NRW auch.

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