HAMBURG - Sonntagabend, viertel nach acht in Deutschland. Millionen Menschen haben jetzt eine feste Verab­redung – mit ihrem Fernsehgerät und dem Bösen, das in ihren Wohnzimmern zu dieser Stunde Einzug hält. Sonntagabend, viertel nach acht wird in Deutschland geliebt, gehasst, gelogen, betrogen, gemeuchelt – und zur Strecke gebracht. Sonntagabend, viertel nach acht: Es ist „Tatort“-Zeit in der ARD.

Wenn das Schlagzeug (gespielt von Panikrocker Udo Lindenberg) in der Vorspannmusik peitscht, man Männerbeine panisch über nassen Asphalt rennen sieht und sich das Fadenkreuz über ein eisblaues Auge legt, beginnt für viele der spannendste Teil des Wochenendes. Vorhang auf für ein letales Vergnügen, bei dem letztlich niemand zu Schaden kommt.

Die Erfolgsgeschichte des „Tatort“ begann vor 40 Jahren – am 29. November 1970. „Taxi nach Leipzig“ hieß die Episode, und sie spielte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Seither bildeten immer wieder aktuelle gesellschaftliche Ereignisse die Plattform für Mord und Totschlag. Ob RAF-Terrorismus, Nazi- oder Stasivergangenheit, Mauerfall, Organ- und Menschenhandel, Kin­der­armut, Pflegenotstand, Subventionsbetrug, illegale Waffengeschäfte: Es gibt nichts, was nicht als Kulisse für eine Folge der beliebtesten Krimi-Reihe dienen könnte. Ganz abgesehen von solch „profanen“ Dingen wie Eifersucht, Gier oder Rache.

Auch wenn manche „Tatort“-Episoden als sozialkritische Melodramen daherkommen, so sind sie doch in erster Linie – zumindest meistens – eines: gelungene Unterhaltung, die ihren Machern zur Ehre gereicht. Nicht umsonst liest sich die Liste der Regisseure wie ein „Who is Who“ des deutschen Films.

Wolfgang Petersen, Dominik Graf, Jürgen Roland, Margarethe von Trotta, Wolfgang Staudte und Dieter Wedel waren nur einige der Stars hinter der Kamera. Sogar Rainer Werner Fassbinder, Ikone des Neuen Deutschen Films, bot sich für eine Folge als Regisseur an. Doch Gunther Witte, von 1979 bis 1998 Leiter „Fernsehspiel“ beim WDR und „Tatort“-Koordinator, lehnte sein Exposé ab – zu „hingeschludert“. Witte soll sich übrigens noch heute ärgern, dass er Fassbinder eine Abfuhr erteilte.

Und wenn schon: Seit 40 Jahren setzt der „Tatort“ Maßstäbe. Und er will das auch 2011 tun – mit gleich zwei neuen Ermittlerteams. Man darf also gespannt bleiben – Sonntagabend, viertel nach acht in Deutschland.

Kerstin Buttkus
Kerstin Buttkus Kanalmanagement