HAMBURG - Kurt Beck reißt die Arme hoch, schwenkt seinen Strauß rote Rosen. „Es ist mir eine Ehre“, sagt der frisch gewählte Parteichef bewegt. 483 Ja-Stimmen, 95,5 Prozent – ein Traumergebnis. Vor wenigen Wochen und Monaten noch als „Problem-Beck“, als „Provinzpolitiker“ verspottet, ist er jetzt die unbestrittene Nummer Eins der SPD.

„Auf eine gute Zukunft für unser Land und für unsere Partei“, ruft er den Delegierten im Congress Centrum Hamburg zu. Kurz, geschäftsmäßig, ohne große Triumphgeste. Vizekanzler Franz Müntefering hat ihm als einer der ersten gratuliert, die Hand gereicht, pflichtschuldig geklatscht, sich ein Lächeln abgerungen. Er wirkt versteinert. Freunde werden diese beiden nicht mehr.

Schon zum Auftakt ein Einzug mit Symbolkraft: Beck und Müntefering bahnen sich gemeinsam den Weg durch die Reihen zum Podium, die Streithähne Seit’ an Seit’ im Blitzlichtgewitter. Eine Demonstration – wenn auch nicht der Einigkeit, so doch des Burgfriedens. Nach dem Streit um das Arbeitslosengeld (ALG) I, der zu einem veritablen Machtkampf zwischen dem Vorsitzenden und dem Vizekanzler eskaliert war, ist der Parteitag in Hamburg auf Harmonie getrimmt.

Eine Viertelstunde redet Beck bereits, bevor er die Konfrontation anspricht, die die Partei wochenlang in Atem gehalten hat: „Mit offenem Visier einander ins Auge schauen“, Sachkonflikte austragen und entscheiden, so werde es die SPD halten. „Das wird die Kultur der Sozialdemokratie bleiben“, dröhnt Beck vom Podium.

Applaus – auch von Müntefering, der schmallippig am Podium sitzt. Der Vizekanzler wägt jedes Wort Becks und der anderen Redner, bereit sein selbstverordnetes Stillschweigen zu brechen, sollte er provoziert werden. Eine Niederlage hinnehmen, ja – demütigen lassen, nein. „Ich entscheide, wann ich mich ärgere“, hatte er am Vorabend halb im Scherz, halb drohend gesagt.

Der Parteichef legt sich ins Zeug: 108 Minuten, fast zwei Stunden gibt es Beck pur. Immer wieder blickt der Chef – Schweißperlen auf der Stirn – geradeaus in Reihe Eins, dort wo die SPD-Helden vergangener Tage sitzen: Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Egon Bahr, Erhard Eppler. Findet Beck in deren Augen Gnade? Überzeugt er die Delegierten?

Ein rhetorisches Feuerwerk bietet der Parteichef nicht. „Aber Themen, die die Menschen bewegen“, wie Niedersachsens SPD-Chef Garrelt Duin hinterher sagt. Vom Lotto-Monopol bis zum Mindestlohn arbeitet Beck Stichworte ab, verspottet die CSU, die auf „Skandalseiten“ in der Klatschpresse stattfinde – „Latex und Lederhose“ spottet Beck über Gabriele Pauli. Lohn der Rede-Anstrengung: vier Minuten standing ovations, selbst Helmut Schmidt erhebt sich mühsam.

Die Genossen geben sich offiziell zufrieden: „SPD pur, gut gemacht“, lobt Ralf Stegner, schleswig-holsteinischer SPD-Chef. Auf den Fluren fallen die Töne kritischer aus: „Kein Schwerpunkt, kein Konzept“, oder „Kraut und Rüben“, kritisieren Delegierte. „Zum Glück hängt sein Wahlergebnis nicht von der Rede ab“, stichelt ein SPD-Bundestagsabgeordneter.

Nach der Beck-Show rücken die Sachfragen auf den Plan. Mit breiter Mehrheit sprechen sich die Delegierten für ein neues NPD-Verbotsverfahren aus. SPD-Vorstandsmitglied Niels Annen nennt die rechtsextreme Partei „organisierte Feinde der Demokratie“. In dem Parteitags-Beschluss werden Bundestag, Bundesregierung und Bundesrat aufgefordert, „einen Fahrplan für ein Verbot der NPD zu erarbeiten“.

Gegen den SPD-Antrag demonstrieren vor dem Kongressgebäude etwa 100 NPD-Anhänger, begleitet von einem großen Polizeiaufgebot. Etwa 1100 Gegen-Demonstranten protestieren gegen den Aufmarsch. Die Aktionen bleiben laut Polizei weitgehend friedlich, vier Linksautonome werden vorübergehend festgenommen.

Dann fällt die viel diskutierte Entscheidung der letzten Wochen: Mit übergroßer Mehrheit stimmen die Delegierten der Verlängerung des ALG I für über 50-Jährige zu und folgen damit der Linie ihres Vorsitzenden. Es ist Kurt Becks zweiter Triumph.