Hannover - So eine Wahlnacht hat Hannover noch nicht erlebt. Verteilt über die ganze Stadt feiern die Parteien ihre Wahlpartys. Der Landtag, traditioneller Ort für Triumphe und Wundenlecken, steht dafür nicht zur Verfügung – noch haben Bauarbeiter dort die Mehrheit und nicht Landtagsabgeordnete.Sehen Sie hier eine pdf-Grafik: So wählte Niedersachsen
Die Sozialdemokraten
Der Jubel kennt keine Grenzen. Als Ministerpräsident Stephan Weil schon um 18.05 Uhr in der SPD-Fraktion erscheint, fliegen die Hände hoch. Rhythmisches Klatschen. Der Geräuschpegel erreicht die Lautstärke von Rockbands auf einem Festival. „Wir haben es der CDU gezeigt“, ballt die sonst so kühle Staatssekretärin in der Staatskanzlei, Birgit Honé, die Faust. Wirtschaftsminister Olaf Lies fällt jedem um den Hals. Jusos skandieren: „So sehen Sieger aus!“ Weil lächelt, faltet die Hände. Dieser Mann hat den größten Triumph für die Sozialdemokraten seit Gerhard Schröder in Niedersachsen erreicht, und der Regierungschef gibt sich in dieser Sekunde bescheiden. Fast formen seine Hände die berühmte Merkel-Raute. Und dann platzt es aus Weil („Ein ganz großer Tag in der Geschichte der SPD“) heraus: „Ein toller Abend. Dieser Wahlkampf war eine Charakterfrage. Vor zweieinhalb Monaten lagen wir noch zwölf Prozentpunkte hinter der CDU“, kommentiert er die „rasante Aufholjagd“, die nur mit dieser SPD und den Mitgliedern möglich gewesen sei.“ „Ihr habt unverdrossen weitergemacht“, lobt der SPD-Chef die gewaltige Kraftanstrengung der Partei.Aber Weil vergisst auch im Jubel nicht die Nicht-Mitglieder unter den Wählern. „Danke, dass Sie die Treue gehalten haben“, sagt Weil, der natürlich einen „klaren Regierungsauftrag für die SPD“ reklamiert, obwohl die Sitzverteilung zu dem Zeitpunkt noch gar nicht klar ist. Nur wenige bangen um Rot/Grün. Zu weit weg scheint eine Fortsetzung, obwohl der Wahlabend noch lang ist. Wie schwer die nächsten Tage werden, bringt Weil mit einem Versprecher auf den Punkt: „Vor uns liegt ein langer Atem.“ Auch in Berlin. Nicht wenige Sozialdemokraten fordern spontan, dass Weil in der Bundes-SPD neben Parteichef Martin Schulz künftig eine dominierende Rolle spielt. „Wer will an Weil in Berlin vorbeikommen?“, lautet die rhetorische Frage. Oder wie Weil sagt: „Die SPD kann wieder Wahlen gewinnen!“ Richtig. Mit ihm.Die Grünen
Der grüne Landwirtschaftsminister Christian Meyer trotzt dem miesen Wahlergebnis: „Wir haben einen feurigen Wahlkampf gemacht und lagen noch im Sommer bei sieben Prozent. Insofern können wir noch zufrieden sein. Auch wenn wir uns mehr gewünscht und natürlich mehr verdient hätten“, sagt er. Meyer selbst mit seiner umstrittenen Landwirtschaftspolitik jedenfalls trage keine Schuld am schlechten Abschneiden der Grünen, meint Frauke Patzke, Vorsitzende des Regionsverbandes Hannover. „Es gab keine Wechselstimmung im Land, deshalb haben viele, die sonst die Grünen gewählt haben, ihr Kreuz diesmal bei den Sozialdemokraten gemacht. Aus Angst, die SPD werde sonst zu schwach“, analysiert Patzke. Ihre Tischnachbarin, die Direktkandidatin Nicole van der Made (Wahlkreis 35/Springe), zeigt sich enttäuscht vom schwachen Wahlergebnis der Grünen. Welches nun ihre favorisierte Regierungskoalition sei? „Die Partei, mit der ich koalieren würde, kommt wohl nicht in den Landtag“, bedauert van der Made und blickt auf die Linke, die bei der aktuellsten Hochrechnung unter den nötigen fünf Prozent bleibt. Minister Meyer jedenfalls hofft weiter auf eine Fortsetzung von Rot/Grün und will „keine Koalition der Wahlverlierer“, sprich Schwarz/Gelb/Grün. Am Ende sei es die Furcht vor Bernd Althusmann gewesen, die viele potenzielle Grünen-Wähler zur SPD getrieben habe. „Und wir reden auch mit den Linken, falls sie es doch noch in den Landtag schaffen“, ruft Meyer seinen Anhängern zu. Beifall für den Minister, und manch ein Grüner gönnt sich ein kühles Blondes auf den Schreck. Vorm Lokal ist die Stimmung derweil ernüchternd. Viele hätten sich einfach ein besseres Ergebnis gewünscht und gehen enttäuscht nach Hause.Die Linken
Nur kurz flackert der Hoffnungsschimmer auf. Als nachmittags die ersten Befragungen der Wähler nach der Stimmabgabe die Runde durchs politische Hannover machen, schimmert eine zarte Fünf als Möglichkeit durch.Die ersten Prognosen um 18 Uhr machen aus der Hoffnung Enttäuschung. Es reicht nicht. Weit weg die Fünf-Prozent-Hürde, obwohl nur ein paar Zehntelpunkte fehlen. Dabei hat sich Spitzenkandidat Hans-Henning Adler den Wahlabend so ganz anders vorgestellt: Die Linke verhilft Rot/Grün zu einer Mehrheit. Stattdessen Frust. Auch die niedersächsischen Linken ereilt das Schicksal der Genossen in NRW. Trotz Steigerung will der Einzug in den Landtag einfach nicht klappen. Jung-Linke fordern noch am Abend eine Verjüngung der Partei. Die Linke müsse weg von einer reinen „Protestpartei“ hin zu einer „Themenpartei mit neuen Gesichtern“, heißt es.
