Hannover - Abends wollte Gabriele Andretta sich gemütlich bei einer Tasse Tee mit ihrer Tochter Luna hinsetzen. Luna war 1998 mit ihrer Mutter quasi in den Niedersächsischen Landtag eingezogen – Andretta als SPD-Abgeordnete, Luna war damals noch ein Baby und kam mit.
Am Dienstagvormittag, während Luna in der Schule saß, wurde ihre Mutter einstimmig zur Präsidentin des Landtags in Hannover gewählt. Ein geschichtsträchtiges Ereignis, denn Gabriela Andretta, die ihren Vorgänger Bernd Busemann von der CDU ablöste, ist damit die erste Frau an der Spitze des Niedersächsischen Landtags. Ein „Gänsehaut-Moment“, wie die 56-Jährige gegenüber dieser Zeitung betont.
Und Tochter Luna konnte nicht dabei sein, weil sie gerade aufs Abitur zusteuert und eine Klausur schreiben musste, während ihre Mutter die Stimmen aller 137 Abgeordneten erhielt. Andretta war von der SPD-Fraktion vorgeschlagen worden, die mit ihren 55 Abgeordneten als stärkste Fraktion das Vorschlagsrecht hatte.
„Ich werde alles tun, eine gerechte und unparteiische Präsidentin zu sein. Mit Ihrer Wahl haben Sie heute zugleich Landesgeschichte geschrieben. Es ist seit Gründung des Landes Niedersachsen vor 71 Jahren das erste Mal, dass der Landtag eine Frau in dieses hohe Amt gewählt hat“, sagte Andretta.
Damit, so die neue Landtagspräsidentin, hätten die Abgeordneten ein weiteres Zeichen für die faktische Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Politik gesetzt. „Ich bin fest davon überzeugt, dass sich unsere demokratische Gesellschaft nur dann zum Wohle aller weiterentwickeln kann, wenn Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen, gerade auch in der Politik, gleichberechtigt teilhaben.“
Zu den Schwerpunkten ihrer künftigen Arbeit als Präsidentin des Niedersächsischen Landtages erklärte Andretta: „Wir müssen uns mit den sozialen und politischen Gründen für den Vertrauensverlust in die Gestaltungsfähigkeit von Politik, die sich in Abwehr von allem Fremden und Demokratieskepsis äußern, auseinandersetzen. Deshalb ist es Aufgabe von Politik, die im anstehenden Wandel liegenden Chancen so zu gestalten, dass sie allen zugutekommen und der soziale Zusammenhalt gestärkt wird.“ Insbesondere wolle sie junge Menschen für Demokratie begeistern sowie Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entschieden entgegentreten.
Gabriele Andretta arbeitet seit fast 20 Jahren als SPD-Abgeordnete im Landtag in Hannover. Ursprünglich stammt sie aus der Moselregion in Rheinland-Pfalz. Zum Studium kam sie als junge Frau nach Göttingen, wo sie seitdem lebt. Andretta studierte Sozialwissenschaften, Volkswirtschaft und und Psychologie, während ihrer Studienzeit trat sie in die SPD ein. Später machte sie ihren Doktor und arbeitete danach am Soziologischen Forschungsinstitut und an der Uni in Göttingen, bevor sie 1998 erstmals in den Landtag einzog. Im Landtagswahlkampf 2013 gehörte sie zum Schattenkabinett von Stephan Weil. Seit 2013 ist Andretta Vizepräsidentin des Landtags.
„Endlich hat eine Frau das höchste repräsentative Amt in Niedersachsen inne. Gabriele Andretta hat in ihrer Eröffnungsrede noch einmal deutlich gemacht, dass sie ihr Amt neutral ausüben wird, aber mit Leidenschaft für die Demokratie“, betonte die SPD-Gleichstellungspolitikerin Thela Wernstedt. Und die SPD-Fraktionsvorsitzende Johanne Modder ergänzte: „Gabriele Andretta ist die erste Frau im höchsten Amt unseres Landes. Wir freuen uns außerordentlich darüber. Gabriele Andretta ist eine sehr gute Wahl. Ich wünsche ihr für die nächsten fünf Jahre ihrer Amtszeit alles Gute, viel Erfolg und viel Glück.“
